Schnee von gestern“ oder „Wie geil kann ein Eintracht Sieg sein“

In der Bahn zum Waldstadion wird vor dem Heimsieg gefachsimpelt.
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Haller, unser Stürmer, könnte von Real Madrid gekauft werden, aber wir kaufen ihn zurück. Meinen Einwand, dass es um einen anderen Spieler geht, für den Real Madrid ein Vorverkaufsrecht hat, wird nicht verstanden. Ist schon in Ordnung, denke ich, nicht jeder liest den Kicker. Hauptsache, das Bier schmeckt meinem Gegenüber und seinem wohl kaum 16jährigen Sohn.

Zur Einstimmung auf das Spiel wird „Sieg!“, „Sieg!“ geschmettert. Da höre ich gleich neben mir die Ergänzung „Heil!“. Und gleich noch einmal, weil es wohl so schön ist. Ich drehe mich um und sage, dass ich dies nicht gut finde, weil das ein Nazispruch ist. Ich argumentiere in aller Schnelle, wie unser Eintracht-Präsident, dass, wer Eintracht-Fan sein will, solche Sprüche nicht ernsthaft sagen kann. Denn die Eintracht hat eine jüdische Geschichte, die während der Nazizeit abrupt unterbrochen bzw. abgebrochen wurde. Viele Spieler waren in den 30er Jahren Angestellte eines jüdischen Schuh-Fabrikanten. Dadurch hatten sie ein regelmäßiges Einkommen und konnten bei Eintracht Frankfurt auf hohem Niveau als Amateure Fußball spielen. Nach 1933 wurden die deutschen Juden drangsaliert, in die Immigration getrieben, enteignet und später in KZ ermordet. Auch besagter Fabrikant erlitt dieses Schicksal. Mein Gegenüber bejaht und meint, die Eintracht war der „Juden-Verein“ in dieser Zeit.

Ich bin etwas verdutzt. Und frage, wieso er dann „Sieg Heil!“ ruft, wenn er dies alles weiß. Wir sind mittlerweile am Ziel, steigen aus. Ein vierter Mann aus der „Sieg!“-Gruppe hält mich auf. Es war ein Witz, und es wurde nicht „Heil!“, sondern „Geil!“ gerufen. Ach so, meine ich, dann habe ich mich verhört. Ich muss kurz an das Die Partei-Plakat zur Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt denken, worauf steht „Hier könnte ein Nazi hängen!“.
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Schwärzester Humor, der weit unter die Gürtellinie geht. Ich kann aber meine Gedanken kaum weiter spinnen, denn mein Gegenüber variiert seine Ansage. Er sei kein Grüner, sondern: „Einiges, was der Adolf gemacht hat, finde ich nicht schlecht.“ Der kaum Sechzehnjährige vom ersten Gespräch sekundiert mit Akzent, schließlich seien wir alle Deutsche. Ich meine darauf, dass man ihm das nicht sofort ansehe. Mein neuer Diskutant schaut mich etwas zackiger an. Ich erwidere, dass wir nun wüssten, woran wir sein. Ich akzeptiere so manches, aber nicht alles, bin aber bereit, darüber zu reden.

Mehr konnte ich alleine gegen 5 Eintrachtler mit höchst unterschiedlichem Geschichtsbewusstsein im Schnee von gestern nicht rausholen. Wir rauchen eine Friedenspfeife. Man weist mich auf meine runtergefallene Mütze hin, und wir laufen in verschiedenen Richtungen auseinander.

In der vollen Bahn übrigens gab es zur oben berichteten Diskussion eine Stimme, die meinte, dass es jetzt hier keinen Stress geben müsse. Wir sollten doch alle locker bleiben. Der Rest von 30-40 Leuten schwieg.

Es gibt eine neue wissenschaftliche Untersuchung, warum Fake News/Unsinn/Falschmeldungen/Lügen wider besseren Wissens so eine breite Zustimmung in Gruppen von Menschen findet. Die soziale Gruppe ist vielen wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Fake News. Wenn also die Gruppenmehrheit oder deren Leithammel eine Fake News für richtig befinden, dann urteilen einzelne oder unsichere Gruppenmitglieder genau so. Damit stärken sie die Gruppe und damit sich. Schweigen würde ich als Zustimmung beurteilen.

Die Eintracht hat das Spiel gewonnen. Torschütze war der in Neuss geborene Deutsche Danny da Costa. Er wurde vor ein paar Jahren in einem Spiel gegen 1860 München rassistisch beschimpft.

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Qualen

Die Partei Kauderwelsch

Am 23.02.18 zeigt Die Partei in der Kneipe ab 18.00 Uhr einen Film. Ein Beitrag zur Frankfurter OB-Wahl zwei Tage später.

Dazu gibt es einen kleinen Wahl-Kauderwelsch-Film.

 

Gerippte Kuschligkeit oder Saufen für Europa

Immer wieder bestellen zumeist junge Gäste, die zum ersten mal in der Vowi sind, einen Bembel. Sie setzten voraus, dass wir Apfelwein im Bembel ausschenken. Wenn wir ihren Wunsch verneinen und auf den Gläserausschank verweisen, kommt es vor, dass sie aufs höchste verwundert sind und es ihnen nicht in den Sinn kommt, wie die Kneipe bisher ohne Bembel ausgekommen sei.

Anstatt nach allem möglichen zu fragen, und ganz besonders in diesem Frankfurter Stadtteil nach der linken politischen Tradition, die sich 2018 zum 50en mal jährt,  geht es ihnen um gerippte Kuschligkeit einer kleinen heilen Welt?

Für euch, ihr jungen Gäste, sind die nächsten Zeilen!

Wir haben in der Volkswirtschaft vier einzelne Bembel.
Der erste Bembel heißt Besserwisser. Er ist ein Wanderpokal. Ihn bekommt der Sieger im monatlichen Quiz der Vowi. Er steht hinter dem Tresen.
Den zweiten Bembel haben wir von ehemaligen Stammgästen zum 10. Jahrestag der Kneipe  (2007) geschenkt bekommen. Er hat einen würdigen Platz im Archiv der Kneipe.
Den dritten Bembel nutzt ein Fanklub der Eintracht, der bei uns regelmäßig zu den Spielen anwesend ist. Zu diesem Bembel gibt es eine gußeiserne Ausschank-Halterung, die Faulenzer genannt wird. Denn je größer der Bembel ist, desto schwerer ist es, aus ihm auszuschenken.
Der vierte, und mit 15 Liter der größte Bembel, steht das ganze Jahr – bis auf den 23.12. – im Keller.  Dann wird er befüllt und von einer Gruppe von Gästen an diesem Tag gestemmt. Sein Name lautet Bembel des Todes.

Die eigene Gestaltung, Beschriftung und Verwendung der vier Bembel zeigen witzig und ein wenig ironisierend auf, wie man heute mit Tradition umgehen kann ohne ins Schunkeln zu verfallen und Heinz Schenk nachzutrauern.

Begriffe wie Hessen, Apfelwein, Gelsenkirchener Barock oder, um es aktuell politisch zu umschreiben (wie letztens unser Außenminister im Spiegel den Begriff Heimat), werden von unseren Gästen höchst eigensinnig interpretiert.

Letztens veränderte man den Anfeuerungsruf bei Eintrachtspielen „Wir fahren nach Europa“ in „Wir saufen für Europa“. Diese Umwandlung erfolgte so lautstark, dass sich weit jüngere Gäste darüber beschwerten. Nach einigen Dezibel-Kostproben und einer Schnapsrunde der jungen Leute ergab sich eine lebhafte Diskussion u.a. um Feminismus und Fußball.

Das ist die Volkswirtschaft.

Sie hat am 31.12.17 und am 01.01.18 geschlossen.

Anachronismus

Anachronismus

Als ich letztens (eigentlich vor fünf Jahren, aber dies spielt überhaupt keine Rolle) einen Gast fragte, was da gerade für Musik läuft, zuckte er die Schultern: „Keine Ahnung!“. Ich wollte helfen, indem ich herumhüpfte und dabei wilde Armbewegungen machte. Schließlich versuchte ich, auf einem Bein zu stehen und hielt eine imaginäre Querflöte an den Mund. Er blieb dabei: „Keine Ahnung!“

Ich gab auf, nannte den Namen der Band und erwartete spätestens jetzt eine positive Resonanz oder wenigstens eine musikpolitisch begründete Ablehnung. Leider kam wieder nichts. Mein Gegenüber kannte Jethro Tull nicht und hatte darüber hinaus noch nie etwas gehört. Und hier wurde mir klar, dass ich älter bin als mein Gesprächspartner und dass vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren dies nicht passiert wäre.
Und wie Recht ich hatte, bestätigte mir indirekt Nina Hagen, die 1979 noch mit ihrer Band, die später Spliff wurde, im Lied „Auf’m Rummel“ folgendes sang „…die band brachte grad nen jethro tull hit…“. Was 1979 eine Beschreibung eines langweiligen Tages war mit Musik, die alle kannten und alle hörten und worauf die Ich-Erzählerin keine Lust mehr hat, ist 33 Jahre später nur noch Geschichte, bei der man froh sein kann, wenn sie überhaupt noch jemand kennt,
Der Anachronismus von Jethro Tull, mit dem sie seit über vierzig Jahren kokettieren, hatte mich eingeholt. Der Kontext bzw. die Optik der Band war ein Konstrukt, fast immer im Blick zurück, und jetzt war ich plötzlich selber Teil eines Zusammenhangs, den man früher wohl kannte, welcher aber heute keine Rolle mehr spielt – noch schlimmer, der langsam zu vergessen droht:
Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.

 

 

Teilen und Herrschen

Unser Kollege Uwe vom der Nachbarkneipe „Tannenbaum“, wurde literarisch gewürdigt. Johanna und Felix gaben mir den Hinweis. Höchste Zeit, dass wir alle uns intensiver mit Bildender Kunst befassen. Deshalb gibt es in den nächsten Zeilen zum Thema drei Geschenk-Ideen für die Festtage oder danach.
Die Beschreibung von Uwe hat Charme. Dieser erinnert allerdings mehr an die Metal-Band „Slayer“, als an die biedere Empfindsamkeit eines Spitzweg-Gemäldes aus dem 19. Jahrhundert.
Die Leidenschaft für den Flipper-Automaten, der als klassisches Kneipeninventar -symbolisch als Nukleus- des Tannenbaums gedeutet wird, ist eine obskure Begierde. Seine Entschlüsselung gibt Rätsel auf. Der Ich-Erzähler liefert sich dieser Begierde mit allen Konsequenzen aus. Er will sie beherrschen. Und wenn er vermeintlich am Ziel ist, steht der Zeremonienmeister- Uwe – bereits hinter ihm und schreit ihm in der vollen Kneipe etwas ins Ohr, was niemand hört. Unserem Ich-Erzähler bleibt nichts anderes übrig, als…(Hört selbst!)

Slayer, Repentless (CD, 2015)
(moralisierende Gewalt in Kunst geschlagen; zur CD gibt es drei Videos in neuster Serien-Ästhetik, die verstören und gleichzeitig abstumpfen)
Luis Bunuel, Das obskure Objekt der Begierde, (letzter Film des Regisseurs, 1977, DVD)
(Liebe, Begehren, Macht aus der Ich-Erzähler-Perspektive, verwoben mit anderem; neben Pedros Almodovar „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ mein Film über Beziehungen)
Philipp Winkler, Hool (Roman, 2016)
(Fußball! Eines der zentralen Themen auch in der Vowi ist fast immer eine ernste Sache und oft nur Träger für ganz andere Dinge. Auf die Fresse?)

PS: Fußball, Feminismus, Unterbau und Ideologie u.a. waren nach dem glücklichen Sieg der Eintracht im DFB-Pokal gegen Heidenheim kurz vor Weihnachten ein großes Thema. Darüberhinaus konnte ich einen Stuhl, der nur mit einem Messer hergestellt und mehrere Jahrzehnte alt war, die Vorzüge einer Gläserspülmaschine und einen Geschenkwunsch zu Weihnachten kennenlernen.

Am 24., 25. und 26.12.17 hat die Kneipe zu!
Auf dem Feldberg im Taunus

5. Wandzeitung

„Es geht ein Gespenst um in der Mitropa…“
Große Teile -virtuell – einer kleinen persönliche Ausstellung 2003 in der Vowi über meine Jahre in Leipzig 1966-1989

5. Wandzeitung
1989-1993.

Im Westen angekommen.
> zu beachten: der Computerausdruck des Aufnahmescheines im Gegensatz zu den DDR-Papieren
> zu beachten: der Lebenslauf in Inhalt u. Form wenige Jahre später
Und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute.

Es geht ein Gespenst um in der Mitropa
1. und 2. Wandzeitung
3. Wandzeitung
4. Wandzeitung
6. Wandzeitung