Gibt’s kein Pommes-Gewürz?

Am 08.07.2020 gibt es keine Vowi-Cuisine. Die Sommerferien fangen an. Wir verbessern dann in der Festhalle unser Englisch und lauschen Muttersprachlern. Wir verbessern weiterhin unsere Halswirbel-Muskulatur und treiben rhythmische Sportgymnastik. Vorher und hinterher nerven wir die Tresenkräfte der Vowi, singen eine Oktave höher als Rob Halford „Painkiller“ und klopfen dazu auf den Tischen.
Heute findet die 31. Vowi-Cuisine statt. Deshalb gibt es am Tresen erst gegen 23.00 Uhr Getränke. Ale Tische sind bis dahin belegt. Vorher wird gespeist: unter anderen Lamm, Rind, Maronen und Ziegenkäse. Dazu passt ein frischer und mineralischer Chardonnay (links auf dem Foto) aus dem Languedoc, der eigentlich der viel bessere und günstigere Chablis ist.
Am Sonntag (17.11.) ist geschlossen. Kein Fußball. Nur schmutzige Teller.
Breaking den Geschmacksverstärker!

Kontrafaktischer Unsinn, warum am Sonntag (03.11.) die Vowi zu hat

Hätte ich damals als Ruderer, nachdem ich wegen meiner Größe in der Schule irgendwelchen Talentsuchern der DHFK (Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport) Leipzig aufgefallen war, ein wenig mehr Ehrgeiz an den Tag gelegt, wäre ich vielleicht ein großer Sportler geworden. Hätte manche bunte Pille während des Trainings bekommen und wäre dann bei Olympia 1988 in Seoul aus dem Mannschaftshotel verschwunden, um nach einer missglückten Geschlechtsumwandlung in der BRD mich bei den Grünen für das 3. Geschlecht zu engagieren. Heute würde ich als verdienter Grüner in irgendeiner kommunalen Aufsichtsbehörde sitzen, um mir Gedanken zu machen, wie hoch beispielsweise die Ordnungsstrafe bei Ruhestörungen nach 22.00 Uhr bei Kneipen in Bockenheim wäre.

Stimmt das alles? Naja. Vieles. Eines stimmt nicht, gebe ich zu. Damals fehlte mir in der Schule der Ehrgeiz zum großen Sportler. Deshalb war ich nur Trockenruderer, einer, der nur im Becken in einem festgebauten Boot ruderte- und dies nur wenige Wochen. Groß genug war ich. Zu wenig Kraft, zu wenig Siegeswille hatte ich. Zu lieb war ich auch noch. Matthias Sammer in Dresden dagegen funktionierte ganz anders.

Jahrzehnte später, letzte Woche, wollte ich mir die Schuhe binden, um Handkäse für die Vowi einzukaufen. Am nächsten Tag stand der alljährliche Marathon an. Der Ehrgeiz ließ mich nicht in die Hocke gehen, sondern mich bücken. Beim zweiten Versuch verschob sich möglicherweise etwas im 2. oder 3. Lendenwirbel oder im Iliosakralgelenk oder ein Muskel verhärtete sich. Seitdem drückt etwas auf einen Nerv. Das verursacht Schmerzen, hinterlässt Taubheits-Gefühle und verhindert meinen aufrechten Gang.

Der Versuch, sinnbildlich gesprochen, aufrecht zu gehen, ließ mich am 04.11.1989 die DDR verlassen. Mich „kotzte“ dieser Staat an, und ich weine ihm bis heute keine Träne nach. Für mich war und bleibt er ein Unrechtsstaat, und wer dazu eine andere Meinung hat, ist nicht mein Freund, zumindest im Politischen.

30 Jahre Frankfurt kann ich leider – momentan – nicht im aufrechten Gang begehen, Beate braucht auch etwas Ruhe nach den fünf Toren der Eintracht am Samstag. Deshalb ist ausnahmsweise am Sonntag (03.11.19) zu

60 Einreisebestätigung 1989

Wie es im Osten in Leipzig vor 1989 so war, und warum zum Beispiel ich kein Ruderer geworden bin, wird sehr bald näher erläutert an den Wänden der Vowi zu sehen sein, kuriert von einer namhaften Kennerin Bockenheims.

Ich hatte einen Scheiß-Traum

Heute, knapp 30 Jahre nach dem Ende der DDR, träumte ich, dass es Zeit ist, meine eigene Lebensleistung zu würdigen. Ich imaginierte, ich sei – hier – geblieben und aus den 23 seien 53 Jahre geworden. Ich fühlte mich sicher, umsorgt und geführt, denn die DDR war ja weder ein Unrechtsstaat noch eine Diktatur (der Arbeiterklasse) – vielmehr meine Heimat.

Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese,
das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft
und die Tiere der Erde
und die Fische im Fluß sind die Heimat.
Und wir lieben die Heimat, die schöne
und wir schützen sie,
weil sie dem Volke gehört,
weil sie unserem Volke gehört.

aus: „Unsre Heimat“Text: Herbert Keller

Ich bildete mir ein, der Wirt vom Auerbachskeller zu sein. Das ist eine gutgehende Studentenkneipe, in der Goethe im Faust I die Studenten mit Mephisto und Faust zechen lässt. In meinem Traum bereiten zwei mir seltsam bekannt vorkommende Köche mit Namen Joachim und Fabian das Leipziger Allerlei zu. Margarethe (oder war’s Janette) und ich teilen uns den Rest.
Ein Gast kommt und quasselt drauflos. Natürlich auf sächsisch. Denn alle sprechen hier sächsisch und wenn nicht, sind es Fischköppe aus Rostock oder Berliner.
Er wäre gerade drüben in Frankfurt, nicht an der Oder, am Main gewesen.
Guten Fußball spielen die mittlerweile schon. Aber dann verdrehte er so einiges und mich noch dazu.
Ich fand mich plötzlich in meinem Traum als Jugendlicher mit langen Haaren und Lederjacke wieder. Unweit meine Wohnung wollte ich Strammen Max in einer Kneipe essen und wurde dort folgendermaßen begrüßt:
„Wie siehst du denn aus? Geh erst mal zum Friseur, du Assi!“
Und später fand ich mich als ergrauter Süssi oder Nossi vor, der einem blondgelockten Fridayforfuture-Jugendlichen beleierte:
„Deine Merkel kann dir jetzt och nicht helfen und Polizisten gibt’s eh viel zu wenig, damit hier mal Ordnung wird, weil die, die Steuern für die ganzen anderen ausgeben. Und bei uns schaut die Abteilung Finanzen beim Rat des Kreises noch so genau hin. Bei den anderen, die von drüben, die können machen, was sie wollen. Das weiß doch jeder und das kannste och im Internet sehen. Und wenn dann was passiert, weil so ein Irrer Scheiße macht, heißt’s gleich, die…“
Ich konnte mir selbst nicht mehr zuhören. Das war so ein Kauderwelsch.
Ich drehte ab, denn die allgemeinen Wahrheiten des Historischen Materialismus sind Gesetzmäßigkeiten. Punkt. Ich wollte einfach die DDR-Fußballnationalmannschaft mit Serge Gnabry und Emre Can sehen. Alles Sachsen! Keine Rostocker und Berliner!

Ich erwachte aus meinem Alptraum. In mir schwirrten die Sprechchöre der Leipziger Demonstranten vor 30 Jahren „Wir bleiben hier!“ Und dabei meinten sie sicher nicht ein Verweilen in einem Unrechtsstaat:

Bring‘ den Vorschlaghammer mit,
wenn du heute Abend kommst,
dann hauen wir alles kurz und klein
Der ganze alte Schrott muss ‚raus
und neuer Schrott muss ‚rein
bis Morgen muss der ganze Rotz verschwunden sein

aus: „Bring den Vorschlaghammer“, Element of Crime 

PS:
Und das, was bleibt, begrabe ich noch lange nicht.
Bald in der Vowi

Große Mist

Der quantenphysikalische Traumzerteiler: aus einem kleinem Traum-Muff wird ein richtig großer Traum-Stuss. Gab es bei eBay-Kleinanzeigen.

Heute vor dreißig Jahren

Gesoffen wird immer nur die Getränke ändern sich
oder
2019 gibt es die Olsenbande bestenfalls im MDR
oder
Diese Saison wird RB Meister
oder
Heute vor dreißig Jahren

Ich war nie selbst betroffen von zu viel Alkohol. Wiederum konnte ich beobachten, wie zu viel Alkohol den Menschen verändert. Seit vielen Jahren gehen große Mengen regelmäßig durch meine Hände: Der Unschuldige mit den schmutzigen Händen? Die Frage nach der Moral bei meiner Tätigkeit stellt sich mir hin und wieder. Es soll ein Betriebsgeheimnis bleiben inwieweit ich die ethische einer rein kapitalistischen Maxime unterstelle. Einer meiner prägenden Erlebnisse in Leipzig mit Alkohol hatte ich anlässlich der Fußball-WM in Russland vor einiger Zeit bereits erzählt.

In Leipzig auf den Montagsdemos im Herbst vor exakt 30 Jahren -u.a. am 01.10.1989- wurde im Gegensatz zum sonstigen gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol darauf geachtet, dass Angetrunkene nicht auf dem innerstädtischen Ring mitliefen. Ich erinnere mich noch, wie einem Betrunkenen eindeutig, im Ton väterlich, im Singsang des sächsischen Dialekts nahe gelegt wurde, nach Hause zu gehen: „Du bisd besoffn! Mensch, geh’ heme! Das hier is’ nüscht für disch! Benn disch aus!“
Ähnlich wie bis heute in Russland wurde in der DDR gesoffen. Trunkenheit galt als Kavaliersdelikt. Führende Genossen bei uns und in der Sowjetunion und bis heute in Russland (rühmliche Ausnahme ist Putin) waren Alkoholiker. Zum Beispiel der DDR-Einheitsgewerkschaftsvorsitzende Harry Tisch, der Generalsekretär der KPDSU Leonid Breschnew – dessen Leben jetzt mit Gerard Depardieu verfilmt werden soll – und Boris Jelzin, der erste Präsident der GUS.
Als ich letztens in Leipzig wegen einer Kultur-Veranstaltung weilte, wandelte ich durch die Stadt.

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Die ganz alten Herden. Dass, die alle noch leben.

Ich entdeckte längst vergessene Bands, deren Schallplatten wieder im Schaufenster stehen. Ich sah auf der Straße einen der alten Sternchen und ließ es mir nicht nehmen, ein Foto von seinem Verglühen und von dem Album zu machen.

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Geile Scheibe: Heldenstadt Anders. Leipziger Underground 1981-1990.
Sternchen
Bald im Schwarzen Loch.

In der Innenstadt auf dem Sachsenplatz besuchte ich das Museum für Bildende Künste Leipzig,
um mir die Gemälde der so genannten Leipziger Schule bzw. Der Neuen Leipziger Schule
anzuschauen. Mir gefiel besonders Roland Borchers auf.
Frohes, wenigstens Heiteres und Buntes wurde auf den Bildern der diversen Leipziger Schulen nicht erzählt. Vielmehr fand ich die Farbe meiner Erinnerung von vor 1989 wieder: Grau.
Ich kann mich halt nicht von meiner Vergangenheit trennen.
Etwas „kälter“, wie ein Wodka aus Weißrussland, ordnet in Düsseldorf im Kunstpalast eine Ausstellung die Kunst in der DDR ein. Hier wird versucht sie unabhängiger von der ewig politischen Einflussnahme und ohne den emotionalen „eigenen“ Blick darzustellen.

Fenster in Halle
Henri Deparade, Fenster in Halle, 1988
Umbruch und Stille I
Uwe Pfeifer, Umbruch und Stille I, 1990

Vielleicht hätte ich bei einem nächtlichen Spaziergang durch die Innenstadt entlang der Demonstrationsrouten an den Montagen vor 30 Jahren in Opa-Manier über diese Ereignisse erzählen können. Die lautstarken Rufe im Herbst 1989, auf denen die Forderung der Ausreisewilligen „Wir wollen raus!“ plötzlich in ein „Wir bleiben hier!“ der Nicht-Ausreisewilligen überging. Und spätestens da muss den verantwortlichen Genossen nicht nur bei den Inneren Organen „der Arsch auf Grundeis gegangen sein“. Jahrelang wurde sinnbildlich gesprochen – falls nötig – Luft abgelassen. Regimekritiker wurden drangsaliert, eingesperrt, in den Westen abgeschoben oder dahin verkauft. Jetzt gab es eine wahrnehmbare Gruppe von Menschen, welche dem Land nicht den Rücken kehren wollten. Vielmehr sahen sie ihre Zukunft in der DDR, nur nicht mehr mit den verantwortlichen Genossen. Es war für mich ein beeindruckendes Erlebnis, wie tausende Menschen „Wir bleiben hier!“ riefen. Ich lief still daneben, hatte einen nicht bewilligten Ausreiseantrag für den Westen, hatte keine Reise-Papiere für Ungarn und hatte mit dem Land längst abgeschlossen. Bei allem Respekt vor den „Wir bleiben hier!“-Rufern sah ich meine Zukunft überall, nur nicht mehr in der DDR. Ich glaubte nicht mehr an Veränderungen bzw. an Reformen. Ich wollte kein Teil mehr davon sein. Im Gegensatz zu den heutigen Flüchtlingen lag mein Pass (durch die Nichtanerkennung der DDR durch die BRD) seit meiner Geburt bereits da. Ich musste nur irgendwie dahin kommen, was mir Anfang November 1989 schließlich gelang.
In der DDR wurde der Druck von Montag zu Montag immer größer. Im ganzen Land demonstrierten mehr und mehr Menschen. Die Bürgerrechtler brachten die Forderungen auf den Punkt. Gemeinsam mit diversen Kirchenleuten wiesen sie den Weg, ohne das immer größer werdende Machtvakuum, welches eine implodierende SED hinterließ, ausfüllen zu wollen. Innerhalb des Regimes wurden die Stimmen, welche in den „Dialog“ mit den Demonstranten treten wollten, wahrnehmbarer. Die befreundeten Genossen in der sowjetischen Botschaft in der Straße unter den Linden und im Hauptquartier der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland unterhalb Berlins in Wünsdorf stärkten die zaghaften Reformgenossen und hielten sich ansonsten raus. Und dann war es Zufall, ein wenig Kalkül und eine Möglichkeit, die man nicht ausschlägt, als Günter Schabowski (als defakto Regierungssprecher) seinen kleinen Zettel raus kramte und damit den Stein ins Rollen brachte.
Und das Kartenhaus DDR brach in sich zusammen. Das Angebot von Kanzler Kohl aus Bonn, ein wenig aus dem Bauch, aber mehr als geschickter Schachzug gedacht, vollzog die Einheit schneller als gedacht. Der vergangene Stadtschreiber von Bergen-Enkheim Clemens Meyer, den ich mir lesend in der Vowi nicht leisten wollte, schildert diese Zeit 1989/90 eindrucksvoll in seinem Roman „Als wir träumten“
Und das heute in Ostbrandenburg und Ostsachsen viele sich nicht aufgehoben fühlen, gerne an die Hand genommen werden wollen und mit der Welt da vor den Toren von Riesa, Wurzen und Döbeln nichts anfangen können, weil sie ihnen 30 Jahre nach der Wende immer noch fremd ist, nun aber die Welt zu ihnen kommt, verwirrt sie zunehmend. Im Zweifel ist man sich selbst am nächsten. Und wird als junger Mensch in Leipzig, weil man die verwirrenden Fußballanimositäten der beiden alten Leipziger Vereine nicht mehr buchstabieren kann, Fan einer Mannschaft, die auf Tradition und Vereinsstruktur pfeift. Geld ist genug da, ein Marketingkonzept auch und die Nachfrage bei Erfolg, selbst bei mäßigem Erfolg, garantiert. Weil es „…nich’s andres gibt hier’e!“ Und schon werden im sächselnden Tonfall die nichtdeutschen Spieler brav ausgesprochen und es wächst zusammen, was kapitalistisch als Gewinnmaximierung gedacht ist und damit auch zusammengehört.

Mehr West in Ost geht nicht
Mehr West (Skoda, RB-Wimpel) in Ost (Foto in Leipziger Ostvorstadt) geht nicht.

Der fromme Wunsch eines Wandspruches in Leipzig nach mehr Olsenbanden ist zwar schön, aber den Witz versteht bald niemand mehr.

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Und kommt später in die Vowi!

Die Montags-Remainer

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Am Samstag, den 12.10.19 ab 19.30 Uhr findet in der Vowi die nächste Whiskey-Probierrunde mit Ralf, dem schottischen Remainer aus Sachsenhausen, statt.
Er hat die Flaschen im Whiskey-Spirits, dem Laden unseres Vertrauens, bereits ausgesucht. Wie immer wird es etwas zu Essen geben und ein Obulus ist fällig, der sich im Rahmen halten wird.
Bitte gebt mir Bescheid, ob Ihr kommen wollt.

Und hier aus aktuellen Anlass – unser Quiz findet übrigens bald wieder statt – noch ein paar Fragen zu dem unterstehenden Bild:
Welchen Anlass meine ich?
Welche historischen Personen erkennst du auf dem Bild wieder?
Welche Stadt-Silhouette wird zitiert?
Wann könnte das Bild gemalt worden sein? Es finden sich Hinweise.

Pro richtiger Antwort gibt es ein Bier.

Über die Natur des Maulwurfes und andere Geschichten

Gestern musste ich zur Maulwurf-Obrigkeit.

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Die Obrigkeit sitzt gerne hoch.

Ein Maulwurf nicht weit von meinem Bau bedroht immer wieder wahllos nachts grabende Kollegen. Sie wären zu laut und würden ihn damit nerven. Dass Maulwürfe nachts graben ist doch normal. Es ist unsere Natur.
Auf jeden Fall sollte ich der Obrigkeit meine Sicht der Dinge schildern. So berichtete ich meine Erlebnisse. Auch mich persönlich wollte er „züchtigen“. Er hatte sogar einen schweren Erdklumpen in der Tatze. Er würde allen Maulwürfen zeigen, wer der Maulwurf-König sei und wenn sie nicht in den nächsten Park umziehen würden, dann sollte bald etwas passieren.
Ich gab der Obrigkeit eine Auflistung aller Attacken, benannte andere Maulwürfe als Zeugen und zählte auf, wie ich durch Klopfzeichen die Obrigkeit jeweils benachrichtigt hatte.
Man nickte meinen Angaben zu. Wir Maulwürfe sehen ja nicht besonders gut. Ich spürte aber Übereinstimmung. Ich spürte eine Art Empathie. Wir hatten dies den Menschen über uns abgeschaut. Unsere Ältesten sagten, dass dies der Unterschied sei zwischen denen da oben und uns. Und wenn wir die permanente Evolution überleben wollten, müssten wir diese Eigenschaft adaptieren.
Ich sinnierte also gerade über die Menschen, als mich die Obrigkeit entließ und mich durch einen Untermaulwurf zum Ausgang krabbeln ließ. Ich frage, wie es weitergeht mit meinem gewalttätigen Nachbar-Maulwurf. Die Obrigkeit wirkte ein wenig ratlos. Noch ist ja nicht so viel passiert. Erst, wenn etwas passiert, dann kann die Obrigkeit eingreifen. Bis dahin sollte man hoffen, dass er zur Vernunft käme oder Hilfe bei einem Maulwurfdoktor erhielte. Denn er benötigt Zuspruch, weil er innere Stimmen hören würde, die ihm eingeben, sich zu wehren gegen einfach alle. Sprich gegen alle anderen Maulwürfe in seiner näheren Umgebung.
Ratlos wie die Obrigkeit hielt ich inne und wuschelte in den Fahrstuhl. Bei der Obrigkeit wird nicht so viel gekrabbelt, sondern man fährt nach oben. Dort hörte ich andere Obrigkeiten frank und frei in meiner Anwesenheit über die gerade stattfindende Ereignisse sprechen. Die Obrigkeit war genervt. Das Maulwurfshügel for Future-Gedöns würde alle vorhandenen Kräfte benötigen. Man hätte keine anderen Maulwürfe mehr zur Verfügung. Ach diese verworrene Welt macht auch vor uns unter Tage nicht halt.

Zu Hause im Bau angekommen, fand ich einen Brief einer Unterabteilung der Obrigkeit. Ihr müsst Euch vorstellen, dass wir Maulwürfe so eine Art Brief erhalten, den wir riechen und nur sehr grob lesen. Riechen klappt bei uns ja wesentlich besser als sehen. Ich roch mich „lesend“ durch den Brief.

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Der Brief

Man drohte mir mit einer Strafe, weil ein anderer Maulwurf sich tagsüber, wenn es bei uns leise zu sein hat, beschwert hatte, ich sei zu laut und würde meinen Bau, wenn mich andere Maulwurfkumpels besuchen, nicht ordentlich verschließen.
Entweder ich akzeptiere, dann müsste ich vielleicht 200-400 kg Kartoffeln zahlen oder ich lege Widerspruch ein uns müsste begründen, warum es tagsüber, was bei euch Menschen die Nacht ist, doch nicht so laut war. Natürlich habe ich was geschrieben. Ihr wisst schon, einen Riechbrief zusammengestellt. Mal sehen, was passiert. Leider habe ich so viel Freunde und dazu noch herrlichen Kartoffelschnaps. Vielleicht mache ich da mal ein Geschäft draus. Könnte ich Glühlampe oder Glühlampenwirtschaft oder Blindflug nennen.

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Meine Zukunft?

Ich blieb enttäuscht vom Tag zurück. Der eine Maulwurf kann über Monate hin anderen Maulwürfe bedrohen, sie mit seiner Tatze schlagen und mir Maulwurfsdresche anbieten, wenn ich weiter in seiner Nachbarschaft buddle. Ein anderer Maulwurf wiederum geht zu einer Unterabteilung der Obrigkeit. Sagt, dass ich auch tagsüber zu laut grabe und vielleicht mit viel Glück muss ich keine 400 kg Kartoffeln zahlen und komme mit einer Verwarnung, was bei uns Maulwürfen ein paar Rettiche sind – mögen wir gar nicht – davon.

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Ein Rettich. Schmeckt uns nicht.

Ich fühle mich ungerecht behandelt und konnte meine Verwandtschaft östlich des Huthparkes ein wenig besser verstehen.

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Die Region östlich des Huthparkes

Sie regen sich pausenlos auf, dass ihre früher mit schweren Fundamenten eingekesselten Wiesen jetzt offen sind für alle. Und alle wollen sie nicht. Aber alle wollen dort auch nicht hin.

Montag Schontag

Wolfgang Hilbig

leipzig

wieder das kreuz im aufgang … im vorübergehen –
wofür sein finsteres feuer im traum –
verschattet drei pappeln die immer noch stehen
drei südlichen zypressen gleich im fensterraum
den brennend ich passiere
doch augenblicks verliere
wenn nacht mir in der stirne gärt
und trauer wüst und schrill das hirn zerfährt.
regenschauer schwarzer fledermäuse
im rauch aus ruß vor meines wahns asyl
flieht mir der genius aus dem schmerzgehäuse
hin an das kreuz das sich mir vor die pappeln schlägt:
das dieses fenster nur … sagt mir noch feingefühl –
bis mich sein waagerechter balken zitternd trägt.

aus Wolfgang Hilbig, Gedichte, Frankfurt am Main 2008, S.224

Gestern vor dreißig Jahren bin ich meiner Erinnerung nach nicht auf der Hermann-Liebman-Straße im Leipziger Osten gegangen. Manchmal kauften wird dort in der Schlange stehend sonntags Eis und heiße Kräppel. Leider konnten sie, wenn man zu spät kam, alle sein. „Sind aus!“, gab es schroff als Antwort, die schmerzte, wie Kartendresche in der Schule. Dann blieb nur das Wassereis. Ein kleiner, aber kein richtiger Trost.

1988, Leipziger Osten, Hermann-Liebmann-Straße., Foto V. Müller

Hermann-Liebmann-Straße im Leipziger Osten 1988

Trostlosigkeit, Verfall und die quietschende, um die Ecke biegende Straßenbahn. Damit verbinde ich die Hermann-Liebmann-Straße, große Teile von Leipzig und eigentlich die ganze DDR. Das zufällig im Netz gefundene Foto von 1988 gibt dies wieder. Die Kinderbibliothek war dort. Mein Zahnarzt gleich nebenan. Ein ungleiches Paar, was in meinen Träumen noch existiert. Entweder suche ich in endlosen Regalen nach Büchern, die ich unbedingt finden muss, oder man malträtiert meine noch kindlichen, aber schon durch Wassereis und Kreppel brüchig gewordene Zähne mit dem schlimmen großen Bohrer. Natürlich ohne Betäubung.

Ich weiß nicht mal mehr, ob ich bei der ersten Montagsdemo gestern vor dreißig Jahren dabei war. In der Innenstadt befand ich mich auf jeden Fall. Wir verkauften damals von vietnamesischen Vertragsarbeitern genähte Hemden (umgangssprachlich Fidschi-Hemden genannt), Alfkissen (wegen der populären Serie im Westfernsehen) sowie Gorbatschow- und Samantha Fox-Sticker (beide waren aus unterschiedlichen Gründen beliebt). Wir hatten einen genehmigten Stand, platziert auf zwei Tapeziertischen. Wir handelten im Auftrag von Jungs, die mit großen Geldbündeln in den Taschen Nischen gefunden hatten, selbständig zu wirtschaften. Gab es eine Nachfrage im Markt, konnte sie viel schneller als im staatlichen Rahmen befriedigt werden. Wieso der Staat dies duldete, weiß ich nicht. Vielleicht war es insgesamt zu unwichtig, vielleicht hatte einer gute Kontakte, vielleicht hatten wir einfach Glück, vielleicht wurde das staatliche System brüchiger und poröser und gab immer mehr Nischen frei.

Für Anfang November sollen die Wände der Vowi anlässlich des 30. Jahrestages der Montagsdemos, meines Ganges von hüben nach drüben und des Mauerfalls geschmückt werden. Dafür gibt es Altbekanntes „vom Gespenst aus der Mitropa“ und vielleicht bald Ergänzendes.

Es geht ein Gespenst in der Mitropa
1. und 2. Wandzeitung
3. Wandzeitung
4. Wandzeitung
5. Wandzeitung
6. Wandzeitung