Ich sehe was, was du nicht siehst

Ich sehe was, was du nicht siehst und das sieht so aus:

Vier junge Frauen stehen mittig im Hintergrund und schauen auf einen Mann im Anzug, der einen kleinen Hund ausführt. Alle befinden sich auf einer Art Platz. Drumherum sind Bäume und mehr moderne als alte Häuser.

oder

Züchtig, mit angewinkeltem Kopf schauen stehend vier junge Frauen in einer modernen Stadt auf einen kleinen Hund. Sie finden ihn niedlich und zeigen es uns von ganzem Herzen. Der Hund springt spielend an einem untersetzten freundlichen Mann hoch, der mit klarer Körpersprache uns entgegenkommt. Er verkörpert Kraft, Dynamik und Erfahrung. Der kleine Hund gibt ihm dabei etwas Leichtes, Unbeschwertes, Einfühlsames – Weibliches…

oder

Vier bieder und langweilig aussehende Frauen stehen in scheinbar stereotypen weiblichen Posen vor ihren zukünftigen Eigentumswohnungen im gentrifizierten Frankfurter Nordend. Als Alibi sind zwei Bäume zu sehen. Die Grünen, wegen mir, auch der Klimawandel oder der Hybrid, lassen grüßen.
Ein großer, dicker Mann kommt mit kraftvollen Schritten auf uns zu. Er trägt einen Anzug. Er ist also ein Endscheider und wird nicht im Rewe an der Kasse sitzen.
Das verbindende Glied zwischen den passiven Frauen und dem aktiven Mann ist ein kleiner Kläffer. Dieser kann mit dem großen, dicken, selbstbewußten Mann kaum Schritt halten. Deshalb bewegt er sich springend und tänzelnd an dem Mann hoch. Für die vier bieder und langweilig aussehenden Frauen verkörpert die Glatze und sein Körpergewicht Potenz und Lebensfreude. Er ist ihr Bärentöter, Beschützer und Eigentumswohnungskäufer.
Und wenn er sich so lieb um den kleinen Kläffer wie um ihre eigenen Kinder kümmert, dann muss er ja der zu Wählende sein.
Wir sehen auf dem Plakat also nicht Zeus, Hera, Athene, Aphrodite, Artemis und Cerberus.
Wir sehen vielmehr das wirkliche Leben von Bodo, Andrea, Angela, Anne, Agathe und Blitz.

Wahlplakat eines CDU-Kandidaten im Frankfurter Nordend 2018 zur Landtagswahl

Immer grüßt das Murmeltier

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Mail an das Bundeskartellamt vom 24.09.2018:

Sehr geehrte Mitarbeiter des Bundeskartellamtes!

Mein Name ist… . Ich maile Ihnen aus 60… Frankfurt. Hier bin ich Pächter einer Eckkneipe. Seit vielen Jahren besitze ich ein Abo von Sky, um Fußballspiele im Bezahl-TV öffentlich auszustrahlen.

Zum wiederholten Male (17.02.14, 20.02.14, 27.07.14) wende ich mich an Sie, um auf das Verhalten der Gastronomieabteilung von Sky hinzuweisen.

Ganz ohne Demut nennt die Firma selbst ihre Abteilung Sky Business. Möglicherweise ist dies ein Hinweis auf die Wertigkeit innerhalb des Sky-Konzerns. Möglicherweise ist dies die einzige Abteilung, welche schwarze Zahlen schreibt. Leider veröffentlicht Sky nicht alle Zahlen ihres wirtschaftlichen Erfolges oder Misserfolges. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Nach meiner Ansicht nutzt Sky Business sein Monopol der diversen Fußball-Übertragungsrechte (Bundesliga, Champions- und Euro-League) gegenüber den Verbrauchern in der Gastronomie aus.
Sky Business diktiert die Preise und darüberhinaus möglicherweise aus rein wirtschaftlichen Gründen die Art und Weise des Empfanges (Kabel oder Satellit).

Nachdem die aktuellen Fußball-Übertragungsrechte der Bundesliga, Champions- und Euro-League 2017 an verschiedene Käufer (Sky, Dazn, Eurosport, RTL, Öffentlich Rechtliche) veräußert wurden, hat sich Sky nach einigem Durcheinander diese Fußball-Übertragungsrechte als Monopol für den Gastro-Bereich ab der Hinrunde 2018 wieder gesichert. Die ursprünglich gewollte Aufsplitterung des Marktes ist zumindest im Gastro-Bereich der Fußball-Übertragungsrechte (Bundesliga, Champions- und Euro League) dahin. Sky kann schalten und walten. Die Gründe könnten sein, dass die „Braut hübsch gemacht werden sollte“. Denn die Medien-Konzern Comcast und 21st Century Fox führten einen Bieter-Wettstreit um 60,9% der Sky-Anteile durch, den ganz aktuell Comcast für sich entschieden hat. Die restlichen 39,1% gehör(t)en Robert Murdochs Medienimperium 21st Century Fox. Dieser Konzern wiederum, ursprünglich geplant mit Sky, wurde vom Disney-Konzern aufgekauft.

Sky dokumentiert uns als Verbrauchern ihr Produkt in bunten Hochglanz-Bildern auf ihrer Webseite.
Männer im besten Alter mit gepflegten Bärten und und ewig junge, sehr schlanke Frauen schauen gut gepflegt und glücklich auf große Bildschirme. Hinweise, dass ein Gastro-Abo in Neustrelitz günstiger als in Wuppertal oder gar in München ist, runden das Bild ab. Sky begründet die Preisstaffelung mit der Größe und dem Standort des Lokals. In strukturschwachen Regionen ist der Preis beispielsweise geringer. An der unterschiedlichen Arbeitslosenquote in Neustrelitz, Wuppertal und München kann sich Sky nur bedingt orientiert haben. Sie liegt aktuell bei 8,9% , 8,5% und 3,6%.

Als jahrzehntelanger Nutzer des Sky-Fußball-Programmes darf ich mich noch ganz am Rande im Wissen, dass es auf Ihre Behörde keinen Eindruck macht, über die journalistische Präsentation von Sky beschweren. Junge bzw. scheinbar junggebliebene Frauen oder schneidige Männer erklären mit altgedienten, leicht abgehalfterten Spielern oder Managern die Sky-Fußballwelt. Dabei wird darauf geachtet, dass alle Stadien und Spiele mit ihren auf Zeit gekauften Werbenamen genannt werden. Neben den allgegenwärtigen Überlegungen, ob 3er oder 4er-Kette und ewigen Diskussionen um Schiedsrichter-Entscheidungen kommen Sportpolitik, Doping, Wirtschaftsgebahren der Vereine oder gar Rassismus im Stadion faktisch nicht vor. Ein schöne neue Welt voller wöchentlicher „Events“ wird dargestellt. Diese sind so sauber und gepflegt wie der Hautton der Moderatoren, den wir in HD sehr genau sehen können.

Des weiteren bitte ich Sie, wenigstens ein wenig die Besitzverhältnisse der handelnden Medienkonzerne (Sky, Dazn, Eurosport) zu berücksichtigen. Auch wenn mir natürlich klar ist, dass Ihre Behörde im 200. Geburtsjahr von Karl Marx keine Analyse des Kapitalismus vollziehen kann, sondern nach Ihrem Dafürhalten prüft und im Zweifel einschreitet.
Sky gehört(e) zu über einem Drittel einem australischen Medienmogul (Robert Murdoch), der sich ein Zeitungs- und TV-Imperium aufgebaut hat. Leider schrecken seine Medien nicht davor zurück, mit ungesetzlichen Mitteln an Nachrichten mit zweifelhaften Inhalten zu kommen.
Ganz aktuell hat es wohl der größte Kabelnetzbetreiber der Welt (Comcast) gekauft. Die Verschmelzung von Netz und Inhalt geht immer weiter.
Dazn gehört letztendlich einem Geschäftsmann (Perform Group als Teil der Access Industries), der in den 90er Jahren durch dem Kauf von staatlichen Betrieben (Ölförderung und Verarbeitung) in der GUS ein Vermögen verdiente.
Eurosport, wie auch mein hessischer Kabelnetzbetreiber Unity Media, gehören zum Discovery Konzern. Sie, sehr geehrtes Bundeskartelamt, prüfen ja gerade, ob die Vodafone Group Unity Media übernehmen darf. Es besteht die Gefahr der Monopolisierung. Wenige Konzerne bestimmen Inhalte der medialen Übertragung und ihnen gehören auch noch die Übertragungswege. Ein Alptraum aller Datenschützer.

Zusammengefasst lautet meine Bitte, dass Sie Folgendes prüfen:
Nutzt Sky Business sein Monopol von Inhalten und (hier in Absprache mit anderen Unternehmen) in der technischen Übertragung von Inhalten aus?
Gibt es indirekte Preisabsprachen von Sky, Dazn, und Eurosport, wie sie es beispielsweise in Deutschland bei den Endverbraucherpreisen bei Flaschenbieren gegeben hat?
Muss Sky Business seine Preispolitik transparenter gestalten?
Darf Sky Business dem Verbraucher vorschreiben, wie die Art und Weise des Empfanges ihrer Inhalte ist und unter Androhung von Rechtsmitteln andere Empfangsmöglichkeiten verbieten?

Mit freundlichen Grüßen…

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Russisch buchstabiert auf Französisch

Тур де Франс
Tour de France

Teil 2:

Als irgendwo in der südlichen Bretagne das Fahrerfeld der diesjährigen Tour de France an uns vorbeirauscht, klingt es wie eine mechanische Sinfonie. Über uns mehre Hubschrauber (schweres dröhnendes Ratatatatata), vor und hinter dem Fahrerfeld die Polizeimotorräder und viele Konvoi-Skodas (schnelles Brum.., Brum…, Brum… und normales Eh…, Eh…, Eh…) und dazwischen weit über hundert bunt gekleidete Fahrer. Sie reden miteinander, was wir einen Meter entfernt am Straßenrand nicht hören, nur sehen. Wir hören dagegen hunderte Tretlager motorisch summen bzw. ölig knacken (rollendes russisches r). Die Sinfonie ist kurz. Sie ist so kurz, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings am Wegrand.

Seit Stunden warteten wir auf die Fahrer.

Immer mal wieder raste ein Auto oder ein Polizeimotorrad an uns mit Tempo 70 vorbei. Die Straße hat keinen schönen Asphalt. Er ist porös und nicht glatt. Die Straße ist schmal. Es passen kaum zwei Autos nebeneinander. Wiederum hat der Zuschauer am Rand ebenso wenig Platz zum Stehen. Manchmal gibt es einen Graben oder keinen Graben, nur Dornen.

Zuerst kommt etwa eine Stunde vor den Fahrern die Werbekarawane. Aus Disneyland bei Paris geklaute Autos mit jungen Leuten bestückt, werfen bei Tempo 70 Gummibärchentüten, Rad- und Grillmützen, Waschmittel, Donald-Comics, Schlüsselanhänger, Schlüsselbänder, Geldkartentaschen, oder Biscuits in unsere Richtung. Eine junge Frau vom Haribo-Wagen traf mich genau in der Mitte meines Körpers. Bestimmt nicht mit Absicht.

Dann rasen sonnenbebrillte Polizisten auf ihren Motorrädern mit Blaulicht vorbei. Gegenüber von uns steht ein netter Mann aus Strasbourg. Mit ihm palavern wir ein wenig auf Englisch. Er grüßt scheinbar jeden einzelnen Polizisten auf ihren Motorrädern. Sie nehmen ihre Arbeit sehr ernst. Sie sind wichtig. Durch ihre Sonnenbrillen entrückt ihr Blick ins Imaginäre.

Vor den ersten Radlern fahren ähnlich schnell, wie die Motorräder, schicke Autos mit gedunkelten Scheiben an uns vorbei. Die Insassen winken uns zu. Warum? Wer sind sie?

Meine Tour-App zeigt mir an, dass es eine Spitzengruppe von drei Radlern gibt. Das Hauptfeld folgt sehr dicht. Die drei ersten unterhalten sich. Sie diskutieren angeregt. Sie müssen laut reden, denn durch den ganzen Tross um sie herum hören sie nichts. Wenig später rauscht das Hauptfeld an uns vorbei. Die Begleitfahrzeuge bilden den Abschluss. Unsere Straßenbemalung mittels Kreide „SGE. Allez les bleus! Vowi. John Degenkolb.“ hielt nur kurz den Reifen der Autos stand. Wir hätten richtige Farbe benötigt. Vielleicht konnte John Degenkolb den Eintracht-Schal, der an einem Baum hing, als Aufmunterung deuten. Wahrscheinlich aber nicht. Alles war, wie im wirklichen Leben, zu schnell.

Wir packen die herrlichen Dinge von der Werbekarawane ein und fahren mit unseren Rädern zum Auto, was nicht weit geparkt wurde. Die verbliebenen Zuschauer sehen uns, als behelmte Rennrad fahrende Radler und jubeln einfach aus Spaß, wie bei den Profis. Da hören wir ein schnell laut werdendes Rauschen und ein plötzliches wildes Hupen hinter uns. Wir springen, besser wir fallen zum Straßenrand. Nachzügler mit Begleittross (nichts von denen war auf meiner App zu sehen) zehn Minuten nach dem Hauptfeld donnern an uns vorbei. Alle wundern sich. Alle drehen sich noch mal um. Das war’s wohl.

Salut!

Zusammengefasst kann man sagen. Die Tour fährt wirklich hauteng an einem vorbei. Es gibt viele Räder, Autos, Motorräder und Hubschrauber, aber alle haben es ziemlich eilig und keine Zeit innezuhalten. Sie präsentieren. Die Zuschauer wiederum sitzen, ohne sich zu bewegen. Sie feiern die Fahrer und sich selbst.

Allez les bleus!

Möge Ante Rebic ein Tor am Sonntag schießen, um noch teurer zu werden und mögen schließlich die Blauen gewinnen. Ich finde, sie haben es sich verdient.
Viva la republic!
Viva la France!
Alles Gute zum Geburtstag, Fab!

 

Russisches Alphabet_Т_1.

Russisch buchstabiert auf Französisch

Тур де Франс
Tour de France

Teil 1:
Du gehst also mit dem Finger auf der Landkarte von Wolgograd oder Lwiw oder Krakow oder Frankfurt aus immer weiter links nach Westen. Du kommst nach Luxemburg, worüber mir nichts einfällt. Du kommst in den deutschsprachigen Teil von Belgien, worüber mir noch weniger einfällt. Du landest schließlich an der Kanalküste irgendwo zwischen Le Havre (Zielbahnhof des Lokomotivführers aus dem Roman von Emile Zola „Das Tier im Menschen“) und Dunkerque (1940) und dann gehst du nach unten und bist im Dreieck Chartres-Paris-Orleans (diesjährige Tour-Etappe inclusive Kathedrale – Thomas Tuchel – Jungfrau) und gehst wieder nach Westen bis es nicht mehr geht, also bis dort, wo du eigentlich schon Donald winken siehst von der anderen Seite des Atlantik. Und dann bist du in der Bretagne. Du bist im westlichsten Teil dieser Präfektur im Departement Finistère. Du bist also dort, wo sie gerade die Tour gefahren sind, du bist dort, wo Le Pen nicht viele Stimmen bekommen hat, du bist dort, wo man stolz wirbt, 64 Millionen € in die Infrastruktur zu stecken, du bist dort, wo Fabrice, unser Vowi-Cuisine-Koch, herkommt, und du bist dort, wo der neue Fußball-WM-Sieger hoffentlich gebührend gefeiert wird.

Und was hat dies mit Russland zu tun? Nicht so viel.

Dennoch, Frankreich und Russland verbindet einiges. Der Adel im 18./19. Jahrhundert sprach eher Französisch als Russisch. Nachzulesen ist es in Lew Tolstois Roman „Krieg und Frieden“. Ähnlich wie in Sachsen, hinterließ Napoleons Kriege (in Russland „Vaterländischer Krieg“ genannt), Lehenswörter zurück, die in die Sprache einkehrten. In Sachsen sind es beispielsweise Perron oder Trottoir oder Üwä.

Die Art und Weise (Dampfschiff, Kommunikation mit der Außenwelt über Funk) des Besuchs des französischen Präsidenten wenige Tage vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges im Juli 1914 beim Zaren in St. Petersburg war (nach neuesten Forschungen) sehr wichtig für die nicht mehr aufzuhaltende Dynamik bei dessen Ausbruch. Stimmt’s, liebe Historiker?

Bei der Tour de France fährt kein Team direkt unter russischen Flagge. Aber die Teams von Astana und Katjuscha haben russische Helfer – als Fahrer für was auch immer.

Le Vowi

Mein neuer Laden in der Bretagne: Le Vowi. Waren sehr eindrucksvolle Gäste zur Mittagsstunde dort.

Школьники

Russisches Alphabet_Ш

Wladimir Putin kümmert sich in Russland eigentlich um alles. Wenn unserer Sport – und Heimatminister sich den russischen Präsidenten zum Vorbild genommen hätte, wäre das Vorrunden-Aus der Yogis sicher nicht passiert. Denn Putin hätte eine Idee gehabt. Beispielsweise könnte ich mir gut vorstellen, dass nicht Akinfejew im Tor der russischen Nationalmannschaft steht, sondern Putin, maskiert als der ZSKA-Keeper, dessen Arbeit erledigt.

2013 hat Putin die Idee, eine Liste mit 100 Büchern zu erstellen, die neben dem Schulstoff eine Empfehlung bzw. Anregung zum weiteren Lesen sein soll.
Das Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation machte sich an die Arbeit. Auf dieser Liste fand ich eine von mir geschätzte Historien-Triologie von Wassili Jan über den Einfall der Mongolen unter Dschingis- und später Batu-Khan in Asien und Russland im 13. Jahrhundert.
Mit Empathie und viel Kolorit beschreibt der Autor die unterschiedlichen Menschen und ihre Kultur. Er versucht, alle Voreingenommenheiten und Klischees beiseite zulassen. Ihn interessieren Beweggründe und ihre Geschichten. Die Unterschiede verwischen. Die in tiefster Stalinzeit geschriebenen Romane sind eine Art Fingerzeig für die Verschiedenheit der Menschen, aber ebenso für die Schicksalshaftigkeit im Sinne von Fremdbestimmtheit des Lebens.
Historische Romane sind eigentlich schrecklich. Meistens wird platt die Handlung vorangetrieben, die regelmäßig durch dramatische Situationen eine Dynamik bekommen soll. Lokalkolorit, fremde Namen, Hokuspokus, edle Recken verliebt in schmachtende Schöne usw. sind die Zutaten – eine Art Maggie-Gewürz… Die Personen entwickeln sich nicht. Die Charaktere sind fertig. Den Rest ergibt die Historie.
Die drei Mongolen-Romane, die in erster Linie im heutigen Russland spielen, sind ein solches, aber gehobeneres Beispiel für gute Unterhaltung, die nicht wirklich weh tun – finden Putin und ich.

лишний Человек

Russisches Alphabet_Ч

Es war einmal  -weil es so lange zurückliegt, können sich die Wenigsten daran erinnern – ein Königreich. Hier sollte alles anders als in den übrigen Königreichen gemacht werden. Der König und seine Minister entschieden, die Zeit still stehen zu lassen. Die Vergangenheit durfte es noch ein wenig geben. Vor allem gab es Zukunft, vermengt mit ein wenig Gegenwart. Weil dies nicht jeder gleich verstand, erfanden der König und seine Minister kurze zusammenfassende Phrasen. Die sollten alle kennen und falls sie gefragt wurden, laut aufsagen. Schließlich bauten der König und seine Minister einen tiefen Graben um das Reich. Denn sie waren sauer, dass es immer noch einige gab, die nicht hier leben wollten. Wenn sie schon das Königreich verließen, dann wenigstens mit zwei gebrochenen Beinen oder am besten mit gebrochenem Rückrad.
Viele junge Menschen interessierten sich wirklich mehr für die Zukunft als für die alten Geschichten von früher. Die jungen Menschen preisten den König und seine Minister. Sie wollten mithelfen, die Zukunft zu gestalten. Sie bestellten die Felder oder später montierten sie im VEB Robotron zwar noch sehr große, aber leibhaftige Computer. Andere fuhren in ein befreundetes Königreich, was viel weiter im Osten lag. Dort halfen sie eine Mückenplage zu besiegen, indem sie Eisenbahnschienen verlegten.

Die viele Arbeit stumpfte die jungen Menschen ab. Die gelernten Phrasen erklärten den Rest, und schließlich gab es für junge Eheleute einen Kredit vom Königreich und eine Wochenkrippe (Montag Kinder hinbringen, Freitag Kinder abholen) für den Nachwuchs.
Das Leben hätte so schön sein können. Fast schon heute, aber ganz sicher dann morgen. Nicht ganz. Denn ein paar Ungläubige, Nachfragende, die sich auf ihren Menschenverstand und auf einen funktionierenden moralischen Kompass verlassenden jungen Menschen in diesem Königreich machten nicht mit. Der König und seine Minister sperrten ein paar ein, andere brachen sich im Grenzgraben das Rückrad. Den Rest erklärten sie für überflüssig. Wozu sollten diese überflüssigen Menschen gut sein im Königreich. Zwar waren sie in der Schule seltener sitzengeblieben als andere Schüler der 13. POS „August Bebel“ im Leipziger Osten. Zwar konnten einige passabel Russisch, aber ihnen fehlte der Phrasenstandpunkt. Für den König und seine Minister waren die Überflüssigen wie verschüttetes Wasser aus einem Eimer. Wasser war genug da, dachten sie. Da konnte ruhig etwas daneben fließen. Zum Schluss war es so viel überflüssiges Wasser, dass die Phrasen weggespült wurden und die Menschen den König und seine Minister verjagten.
Leider waren die überfüssigen Menschen schon lange vor ihnen weg, wohin auch immer.

Der Ausdruck Überflüssiger Mensch stammt aus der russischen Literatur des 19. Jahrhundert. Damit ist oft der Intellektuelle, Pessimist und Zyniker gemeint, der in irgendeinem russischen Gutshof der Freund des Sohnes des Gutsherren ist. Leider verliebt sich die junge Tochter des Gutsherren in den schwarz gekleideten Zyniker vom Dienst. Es endet zumeist tragisch.
Anstatt also der Gesellschaft zu helfen, drängen die Umstände so manchen klugen Geist in eine Position, wo sie überflüssig werden für die Gesellschaft, die Liebe und für sich selbst. Zu viel Nietzsche und Schopenhauer gelesen.

Стансы

Russisches Alphabet_С

Hier noch ein Gedicht von Jessenin aus dem Jahre 1924.
Ob er mit dem Titel Stanzen das technische Verfahren des Stanzens (Schneiden), eine Art Stechmücken oder eine Versform meint, weiß ich nicht.
Wenige Monate vor seinem Tod war Jessenin auf Einladung von P. Tschagin in Baku am Kaspischen Meer. Deshalb nimmt das dort geförderte Öl, das ausströmende brennende Erdgas und sein Gastgeber Platz im Gedicht ein.
Ich finde die Zerrissenheit des Dichters wieder. Wo gehört er hin, wo ist seine Heimat. Mühelos flieht Jessenin zwischen Naturbeschreibung, Innenschau, Agitop und eigener Lebensgeschichte hin und her.

Stanzen
P. Tschagin gewidmet

Ich weiß genügend
über mein Talent.
Und Verse sind nicht all zu schwer zu machen.
Am meisten aber
foltert und verbrennt
und quält die Liebe mich zu meinem Land.

Paar Reime zimmern
kann wahrscheinlich jeder –
von Mädchen, Sternen, Mond und Liebesschmerz…
Mir schnüren andere
Gedanken meinen Schädel.
Andre Gefühle
fressen mir das Herz.

Ich will hier Sänger sein
und guter Bürger,
für jeden Beispiel:
Stolz und echter Sohn –
kein in die Ehe eingebrachtes
Ziehkind
den großen Staaten der Sowjetunion.

Ich bin für lang aus Moskau weggelaufen:
Mit der Miliz mich gut stelln
schaff ich nicht.
nach jeder Biertour und für jedes Saufen
steckten sie mich ins Loch und machten dicht.

Ich sehe alles
und verstehe ganz –
die neue Ära
ist kein Zuckerlecken,
und Lenins Namen
rauscht wie Wind durchs Land,
wie Mühlenflügel
die Gedanken weckend.

Das Jahr läuft hin
wie Bäche in den Nebelfluß.
Städte flimmern vorbei
wie Ziffern auf Papier.
In Moskau war ich noch,
jetzt bin ich in Baku.
Ins Reich der Erdölfelder
führt uns Tschagin hier.

Er sagt:“Sind diese
Ölfontänentürme denn nicht
schöner als aller Kirchen Heilsgefüge?
Mystische Nebel gibts schon Genüge.
Jetzt, Dichter, sing,
was fest ist und lebendig!“

Öl auf dem Wasser
wie ein Perser dick.
Über den Himmel groß
der Abend ein Sack Sterne.
Ich aber schwör
aus reinen Herzen hier:
Schöner als Sterne
sind Bakus Laternen.

Und selber
klopfe ich den hals mir sanft
und sag:
„Die Zeit ist da, wir müssen uns beeilen –
los Sergej,
setzten wir uns still an Marx,
enträtseln Weltweisheit
aus langweiligen Zeilen!“

Deutsch von Rainer Kirsch
aus Sergej Jessenin, Gedichte, Leipzig 1988