Владимир Семёнович Высоцкий

Russisches Alphabet_В

Ich kann Wolf Biermann nicht leiden. Dieser arrogante und selbstherrliche Moralapostel, der sich als Mittelpunkt der Welt sieht. Sein echauffierendes Lachen bei Interviews im Radio, die zum Glück seltener werden, klingt mir im Ohr.

Als moralische Instanz, als Finger-auf-die-Wunde-Legender hat er dagegen Bedeutendes geleistet. Er ist als Sänger seiner eigenen Lieder in Deutschland berühmt. Seine letztens erschienene Autobiographie „Warten nicht auf bessere Zeiten“ soll sehr lesenswert sein.

Die Art und Weise seines Gesanges erinnert stark – ich sage, dass es einfach geklaut ist – an den größten sowjetischen Liedermacher, Chansonier, Sänger und Schauspieler Wladimir Wyssozki. Sein rauher, gepresster Ton, an eine Schlagfolge beim Boxkampf erinnernd, der vortragende Stil, das Lässige dabei, garniert mit fast schon kitschigen Momenten des Innehaltens machten seine Lieder zur Blaupause eines Genre. In seinen Texten erschienen Probleme und soziale Gruppen, die es eigentlich in der Sowjetunion nicht hätte geben dürfen. Wladimir Wyssozki hat’s erfunden und kleine Würdenträger, wie der Besserwisser aus Hamburg, machen es nach – behaupte ich.

Wyssozki starb viel zu früh 1980. Sein Leben auf der Überholspur, immer die lässige Kippe im Mundwinkel und das Saufen forderten ihren Tribut. Das Todesdatums passte den Entscheidern in der Sowjetunion überhaupt nicht. Gerade fanden Olympische Spiele statt. Es galt der Welt das herrliche Dasein zwischen Brest und Wladiwostock zu zeigen und nicht den am Suff gestorbenen Wyssozki. Deshalb schwieg man sich in der Hoffnung, dass es niemand groß bemerken würde, aus. So war es 1953, als der Komponist Sergei Prokofjew am selben Tag wie Josef Stalin starb, und so wurde es einige Jahre vorher in der DDR beim Tode des halb in Ungnade gefallenen ehemaligen Vorsitzenden der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR Walter Ulbricht praktiziert. Dessen Tod wurde einfach später verkündet, damit die zeitgleich stattfindenden Weltfestspiele der Jugend 1973 ungestört durchgezogen werden konnten. Bei Wyssozki klappte dies nicht. Sein Tod brachte tausende, vielleicht zehntausende Menschen spontan auf die Straße, die Abschied nehmen wollten. Die Staatsmacht konnte nichts machen, der Ohnmacht nah.

Wladimir Wissozky

Wladimir Wissozky, Wir drehen die Erde