Viel Zeit im Raum

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Erst kam er ungelegen.

Gerade jetzt, dazu im Hölderlin-Jahr, gilt ein Satz des in meinen Augen größten deutschen Dichters:

Voll Güt’ ist; keiner aber fasset
Allein Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

Friedrich Hölderlin, hesperische Gesänge, Hrsg., D. E. Sattler, Bremen, 2001, aus Patmos, S. 94

Viel schwirrt im Kopf.
Viele Sorgen, vermehrt mit viel Zeit.
Und schließlich oder wohl sehr bald wird die Vowi von staatswegen zubleiben müssen?
Was tun?

Ich höre den Deutschlandfunk, der mich seit Jahrzehnten auf meinen Irrungen und Wirrrungen von hüben nach drüben begleitet.
Immer cool, immer sachlich, immer das Ganze im Blick und die ein, zwei unsäglichen Sendungen im Programm vor Jahren abgestellt.
Hier gibt es alles aus biologischer, politischer, demographischer und mathematischer Sicht und zu allererst die Fakten aktuell über die Viren.
Die DLF-Nachrichten-App hält mich dazu in kurzen verlinkten Beiträgen aktuell auf dem Laufenden.

Zur Vertiefung hilft ein Podcast:
Der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, erklärt täglich seine Sicht:
https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html

Ein wenig erinnert mich diese apokalyptische Gefühlslage an Leipzig 1989.
Flucht war schwierig oder kaum möglich. Allgegenwärtig war dennoch die Staats-Macht in ihrer Willkür.
Wir hatten viel Zeit zum Nachdenken und Reden, um die Sorgen zu entmachten.

Zwei Bücher geben diese immense Kraft, unsere scheinbar vollkommen hoffnungslosen Träume und deren Spieglung in der sich so rasant veränderten Realität der Jahre 1989/90 wieder.
Zu beiden Romanen habe ich inhaltlich, geographisch und ideengeschichtlich Bezüge.
Ein wenig wird in den Büchern mein ganz eigenes Leben beschrieben nicht, wie es war, vielmehr, wie es gewesen sein könnte.
In der Karl-Marx gleich neben der Vowi gibt es beide Bücher.

Im Leipziger Osten, genau da, wo ich aufgewachsen bin, erleben pubertierende Jugendliche 1989/90:
Clemens Meyer, Als wir träumten,
Frankfurt am Main 2006

Ein Dichter schreibt Romane. Die Wucht ist hier lyrischer verpackt. Clemens Meyer drischt auf de Boxsack mit Tränen in den Augen. Lutz Seiler ästhetisiert die Heimatflucht.
Lutz Seiler, Stern 111,
Berlin 2020

Ganz schön eng.

Dann ist er geblieben.