Archiv der Kategorie: Russisches Alphabet

Писатели

Russisches Alphabet_П

Ach diese russischen Dichter!
Es gibt so viele! Und ihre Werke leben und sollen gelesen werden!

Sie genießen dort einen ganz anderen Status als hier. Wer, beispielsweise, kann in Frankfurt, im Stadtteil Bockenheim, in der Vowi Hölderlin zitieren? Mir fällt nur einer ein. In Russland dagegen ist Puschkin – selbst heute noch – allgegenwärtig. Der mittlerweile etwas vergessene Jewgeni Jewtuschenko füllte zu Sowjetzeiten Stadien mit seinen Gedichtakklamationen.

So wie die großen Opernkomponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts (VerdiPuccini) waren russische und sowjetische Dichter Popstars mit allem, was dazugehörte. Kaputte Hotelzimmer, Saufgelage, wirre Affären, Nervenleiden, Schwermut als Berufskrankheit, Reisen als Flucht und Kreativität bis zur Selbstaufgabe waren Programm. Puschkin starb an den Folgen eines Duells, Lermontow durch ein Duell, Gogol an den Folgen religösen Fastens, Jessenin schnitt sich die Pulsadern auf und erhing sich, Majakowski erschoß sich. In der Stalinzeit wurden aus wahllosen Gründen Dichter ins Lager gebracht und/oder getötet. Danach kamen missliebige Künstler nur noch ins Lager. Heutzutage müssen nicht staatstragende Dichter oder Dramaturgen mit Sanktionen der Macht rechnen. Dies kann zwischen Hausarrest und Lagerhaft pendeln.

Man sieht den traditionellen Umgang seit fast 200 Jahren mit den Dichtern und Denkern. Wer zu aufmüpfig ist, wird verbannt, eingesperrt oder geht freiwillig außer Landes.

Lest mir diese Russen!
Gleich neben der Vowi befindet sich die Karl-Marx-Buchhandlung. Dort ist man auf euer Kommen vorbereitet.

Аркона

Russisches Alphabet _A

Stellt euch vor,n eine deutsche Metalband nennt sich „Rus“ nach dem Urland des heutigen Russland. Die Begründung wäre, dass handelnde Wikinger zu den Begründern bzw. Mitbegründer der Rus im 10./11. Jahrhundert gehörten. Kurzgefasst nach dieser Lesart ist die Rus keine slawische, sondern eine germanische Gründung. Zum Glück ist darauf noch niemand gekommen.

Stellt euch vor, es gäbe eine russische Metalband, die sich Lipsk nennen würde. Die Begründung wäre, dass Lipsk – das heutige Leipzig – eine slawische Gründung um 900 gewesen ist und erst im 11./12. Jahrhundert vom Westen aus kolonialisiert bzw. 1165 vom Markgraf Otto dem Reichen von Meißen das Stadtrecht bekommen hat.

Ist eigentlich alles vollkommen egal.

Es gibt aber eine russische Metal-Band mit Namen Arkona. Jeder Ostdeutsche schaut verwundert auf. Denn diesen ist Arkona (Kap Arkona auf der Ostseeinsel Rügen) ein recht bekannter Ort, wo sie vielleicht schon mal im Urlaub gewesen sind. Ist übrigens nicht weit von Greifswald, dem Geburtsort von Toni Kroos.
Arkona war bis zur Besetzung durch den Flipperbaumkönig Uwe I. eine Burg- und Kultanlage der Slawen gewesen: Jaromarsburg.

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Uwe I.

Bis heute kann man die Reste noch besichtigen.

Die russische Metalband Arkona ist jetzt musikalisch gesehen auch nicht viel anders als ähnliche Bands, wie zum Beispiel Schandmaul aus Deutschland.

Aber Arkona hat ihre Sängerin.

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Mascha ‚Scream‘ Archipowa

Diese macht den Unterschied.
Zum einen beherrscht sie das Singen von traditionell bis Deathmetal. Zum anderen verkörpert sie mit ihrem Bühnenauftritt und ihren Videos als Hauptakteurin der Band Ideal, Stereotyp, Kunst- und Märchenfigur einer russischen Frau. Sie ist die edle, unbeugsame, wahrhafte, leidenschaftliche, treue, nichteitle, hingebungsvolle, schamhafte, ihre Rolle einnehmende, im Zweifel aber problemlos über ihrer Rolle hinauswachsende Bäuerin, Magd, Zarin, Schamanin, Göttin, Heilige, Kriegerin, Mensch.

Arkona treten weltweit auf. Sie geben sich unpolitisch, aber klar antirassistisch und antifaschistisch.

Die Unterschiede zwischen slawischer und germanischer Kultur im Metal ist, außer, dass die einen dunkle und die anderen blonde Haare haben, nicht besonders groß. Sie ist meiner Meinung nach austauschbar, was ich beruhigend finde.

Hier findet ihr einen unterhaltsamen, ein wenig romantischen Märchenfilm, der davon handelt, dass Nordmänner im heutigen Polen Slawen angreifen.

Wobei mir die Darstellung der Wikinger (Nordmänner) besonders gefällt.

Сергей Александрович Есенин

Russisches Alfaphet_Е

Schon sein Name vereint all diese Tugenden und Eigenheiten, die ich an den russischen Schriftstellern so schätze.
Jessenin klingt weich, fast zart, aber nicht lasch. Die drei Silben seines Namens geben ihm dagegen Gewicht. Das n als letzter Buchstabe rundet das Träumerische pragmatisch ab. Wiederum, rethorisch gefragt, kann eine anderer Name schwermütiger klingen als Jessenin.
Sein Leben erscheint wie die Balance auf einer Stromleitung – hätte sie es gegeben – mitten in Russland. Jeder Schritt brachte scheinbare Erleuchtung, aber auch permanente Todesgefahr. Natürlich ist dies rein oberflächlich. Aber ein zwei Dinge aus seinem Leben stehen dafür. In sehr jungen Jahren wird er von seinem Vater aus Armut zu seinen Großeltern gegeben. Er wächst mitten in Russland in Rjasan auf. Hier findet er alle Themen seiner gebrochenen Dorfprosa. Er bricht den scheinbar rückwärts gewandeten Blick schnörkellos durch die Oktoberrevolution, seine Reisen und seine eigentümliche Hektik. Er geht drei oder sogar vier Ehen ein, unter anderem mit der damals weltbekannten amerikanischen Tänzerin Isadora Duncan. (Der Singer/Songwriter Vic Chesnutt, der sich vor wenigen Jahren selbst tötete, hat über sie und sich tanzend erträumend ein Lied geschrieben.) Immer wieder reist er. Und dann schrieb Jessenin mit Blut sein letztes Gedicht und tötete sich 1925 gleich zwei Mal. Erst schnitt er sich die Pulsadern auf, und dann hing er sich an den Heizungsrohren in seinem Hotelzimmer auf.

Viel Theater, von einem, der immer im Mittelpunkt stehen wollte, meinten manche Dichterkollegen.
Ich würde ihn lieber für seine sensible Exaktheit rühmen, diesen Menschen – diesen Russen – eine Stimme gegeben zu haben in Zeiten der Permanenten Revolution.

Jessenin

Sergei Alexandrowitsch Jessenin

Hier ein kurzes dunkles Gedicht aus dem Jahre 1925. Im Laufe der nächsten Tage gibt es noch ein längeres biographisches Gedicht.
aus Sergej Jessenin, Gedichte, Leipzig 1988, S.213
Ebene, beschneite. Weißer Mond.
Ein Leichentuch über den Feldern, dicht.
In Weiß die Birken weinen im Wald.
Wer kam um hier? Wer starb? Wars nicht ich?

Русский

Russisches Alphabet_Р

Während meiner Schulzeit in Leipzig in der DDR 1973-1985 besuchte ich eine Klasse mit wesentlich mehr Russisch- und später Englischunterricht, als es normal war. Die Parallelklassen meiner Schule ohne den erweiterten Sprachunterricht hielten uns für staatsnah – dabei den sozialistischen Lebensweg fest im Blick habend – und für sozial höher gestellt. Im schönsten Sächsisch formuliert, fanden sie uns „bekloppt“. Wir waren für sie die „Russen“. Wozu brauchte man in der DDR Englisch? Wollte man damit angeben? Wollte man ins NSA (Nichtsozialistische Ausland) reisen, was nur ging, wenn man politisch ganz auf Linie der SED war? Niemand von unseren befreundeten „Brudervölkern“ in Afrika, Lateinamerika oder Asien sprach Englisch. Und schließlich, wozu brauchte man so viel Russischunterricht? Wollte man Karriere im Staatsapparat machen? Was gefiel einem an den „Russen“? In der späten DDR sah man die „Russen“ bzw. die Soldaten der Roten Armee und ihre Angehörigen nur von weitem in ihren ummauerten Kasernen. Oft waren in den Fenstern keine Gardinen, sondern als Kälteschutz Zeitungspapier. Von nahem, bei von staatlicher Seite organisierten „Freundschaftstreffen“, fielen uns die riesigen Brillengestelle, der Knoblauchduft einzelner Genossen bzw. Komsomolzen, die halben Zigaretten „Machorka“, der Wodka-Konsum, die Pelzmützen Tschapka und das als „Russenpanzer“ titulierte Auto „Saporoshez“ auf. Dies erschien den Meisten peinlich, lächerlich, unmodern und in keinster Weise erstrebenswert.

Neben diesen selbstgemachten Erfahrungen gab es die Staatsideologie der DDR. Sie fasste das Verhältnis zur Sowjetunion „Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen“ zusammen. Alles was aus der SU kam, war gut, und es zu hinterfragen, war praktisch ein konterrevolutionärer Akt.

(„Alles außer Frankfurt ist Scheiße!“ ist inhaltlich davon nicht weit entfernt.)

Die DDR-Oberen in ihrer Borniertheit und politischen Arroganz bewirkten mit ihren Bemühungen, uns die sozialistischen „Bruderländer“ näher zu bringen, das Gegenteil.

Deshalb wurde unsere Klasse als die „Russenklasse“ und wir einzeln als „Russe“ tituliert.

„Russe“ war zu meiner Zeit in Leipzig in der DDR ein Schimpfwort. Und Russisch galt -Ähnliches sagte man über das Tschechische – im Volksmund nicht als Sprache, sondern als „Halskrankheit“.

Ich empfand dies nicht so, aber das ist eine andere Geschichte.

Sibieren?

1978, ein Leipziger „Russe“ im Erzgebirge

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Meine Russisch Schulbücher

Владимир Владимирович Маяковский

Russisches Alphabet_М

Ziemlich groß, hager, markantes eindringliches Gesicht, nichts Weiches im grimmigen Blick:
Wladimir Majakowski.
Seine dichterischen Arbeitsgeräte waren im übertragenen Sinn Pressluftbohrer und Stahlhammer und nicht die feine spitze Feder. Für die Revolution kann es nicht laut und grell genug sein.
Die Revolution soll er wie sein eigenes Haus betrachtet haben. Er wohnte darin.
Seine Gedichte, Bilder, Karikaturen und Dramen werden heute bestenfalls aus seiner Zeit gesehen. Seine Zeit war endlich.
Er passte nicht mehr in den sich schnell wandelten Zeitgeist nach Lenin, der 1924 starb und schon Monate vorher außer Gefecht war. Sein Nachfolger Stalin verband sich mit denen oder mit jenen in der Parteiführung, die dann nach getaner Arbeit ebenfalls verfolgt, ins Lager gesteckt und umgebracht wurden.
Majakowski merkte dies sehr wohl. Verworrene Liebesgeschichten, mangelnde Anerkennung, die Karawane war längst weitergezogen, der Hund Majakowski bellte noch immer.
Er erschoß sich 1930.

Seine Gedichte wirken seltsam gehetzt, im Staccato-Rhythmus. Mich erinnern sie an Rap/Hip Hop. Aber nicht weichgespült. Vielmehr läuft bei ihm die Waschmaschine auf vollen Touren bei 90 Grad.
Hier wird nicht erzählt, hier wir angeklagt, aufgerufen, aufgefordert, angeprangert, übertrieben, eingefordert:
Jim Morrison, der viel zu früh verstorbene Sänger der „Doors“, forderte im Lied „When the music’s over“, „Wie want the world and we want it now!“ Mehr wollte Majakowski auch nicht.

Вл._Маяковский

In seinem Poem „Der Fliegende Proletarier“ entwirft er eine Zukunftsvision des vereinigten Weltproletariats. Was Majakowsi 1925 verfasste, klingt dennoch nicht fremd, durchaus modern, agitatorisch, wissenschaftsgläubig, witzig:

Morgens
Um Achte.
Ertönt der Radioweckuhr:
„Genosse – geruhen ruhig runter vom Ohr!
Der Kittel lässt bitten.
Noch irgendein Weckauftrag nicht übermittelt?
Bis dahin, dann! Priwjet!“
Schlaftrunken aber flugs in die Spur
drückt der Bürger den Knopf zur Elektrorasur.
In einer Minute – frisiert ein so glattes Kinn
kriegt selbst Genossin Venus von Milo nicht hin.
Der Stecker zur Buchse und Lippen gewendet:
und die Strombürste -zupp!- bringt ein Lachen, das blendet.
Es braucht keinen Diener! Bedient er den Anlasser
schon prasselt das Bad selbst sein Warmwasser.
Da fliegen ihm Seifenflocken –
und los geht’s: mit Schrubben und Trocknen.

aus Wladimir Majakowski, Der Fliegende Proletarier, Berlin 2015, S. 58-59

Лена

Russisches Alphabet_Л

1956 wurde in Ungarn ein Aufstand, der die politische Unabhängigkeit proklamierte, von der eingerückten Roten Armee niedergeschlagen. Der gewählte Präsident wurde abgesetzt und später erschossen.
Mindestens 2500 Ungarn sowie hunderte Soldaten der Roten Armee wurden getötet. Von vielleicht 9,5 Millionen Einwohnern flohen über 200.000 nach Österreich und in die ganze Welt.

Für uns DDR-Bürger war Ungarn immer ein ganz besonderes Land. „Die lustigste Baracke“ wurde es innerhalb der sozialistischen Staaten genannt. Es gab mehr westliche Produkte zu kaufen, es wirkte offener und unverkrampfter.

Nun gibt es bis heute eine ungarische Rockgruppe mit Namen „Omega“. Eine elegante Mischung aus charismatischem Sänger, Kunstrockeinflüssen und interessanter Popmusik machten sie auch bei uns bekannt, obwohl sie keine Indie-Band waren. Sie touren bis heute.
Ein Lied mit Namen „Lena“ ist einer ihrer bekanntesten. Den Text verstand ich nicht, wie ich auch das ganze Lied eigentlich nie begriff.
Wir wussten, dass in Ungarn die „Russen“ verhasst waren. Viele DDRler konnten Russisch. Aber man erzählte sich, das man in Ungarn nie versuchen sollte, Russisch zu reden. Bestenfalls würden die Ungarn nicht reagieren.  Im schlimmsten Fall gab es Prügel.
Wie also konnte dann eine etablierte ungarische Band ein Lied mit einem russischen Mädchennamen schreiben? Dazu gab es im Lied diverse klare Zitate der russischen „Populärkultur“: Der Wind pfeift, Wölfe heulen, man hört Pferdeglocken ohne Hufeinschläge, was an den Russischen Winter erinnert. Der Gitarrist imitiert die schnellen Noten einer Balalaika, was wir zungenfertig jederzeit nachmachen konnten und was als Code für Russland stand. In der Mitte des Liedes gab es einen längeren Instrumentalteil, der ein wenig an Pink Floyd oder an Genesis erinnert. Er wird wiederum von einem an den orthodoxen Ritus erinnernden Männerchor umhüllt.
Ich fragte mich, wie konnte Omega so ein Lied aufnehmen, ohne Hintergedanken zu haben. Wie konnte ein Lied zu einem Hit der Gruppe werden, was jeder in Osteuropa mit der Sowjetunion/Russland verband? Singen sie über vollkommen Banales, oder gibt es versteckte Botschaften? Ich weiß es bis heute nicht.
Im Lied wird über Lena, Dimitri und ein lyrisches Ich erzählt. Irgendwann ist einer von den dreien weg, und das war es.
Neben dem Original-Video der Band von Mitte der 70er haben Omega nach der Wende einen neuen Film zum Lied gedreht. Zu sehen sind drei Häftlinge im Winter im Lager. Eine und später zwei junge Wärterinnen, denen nicht zu kalt ist, machen sich über die Gefangenen sexuell lustig.

Léna
Text: Gábor Várszegi
Deutscher Text: nach einer „Spezial“-Sendung der Sendereihe „Trend – Forum populärer Musik“, Berliner Rundfunk, 1987

Der Schnee fällt, der Wind weht,
Dimitri erzählt von Lena.
Ich höre zu und sehe Lena auf meinem Bett.
Damals wartete sie noch.
Die Troika flog über den frischen Schnee.

Das war ein Winter, ein schrecklicher Winter.
Dimitri erzählt, ich höre zu.
Eines Morgens war Lena nicht mehr da.
Sie hat länger nicht mehr gewartet.
Und die Troika stand im frischen Schnee.

Der Schnee fällt, der Wind weht,
Dimitri erzählt von Lena.
Ich höre zu und sehe Lena auf meinem Bett.
Damals wartete sie noch.
und die Troika flog über den frischen Schnee.

Quelle:
https://berndreichert.de/deutsch/omega/frames/texte.htm

 

Omega

Omega, Lena, 1977

 

Чай

Russisches Alphabet_Ч

Vor etwa vierhundert Jahren war der damalige „Bundeskanzler“ von Sachsen August Christo Reinmass, auch bekannter als August der Starke, weil er mehr Zieglein als ein mißliebiger Konkurrent hochheben und geschmort verspeisen konnte, mal wieder in Leipzig. Sein Weg führte ihn zwischen Nikolai- und Thomaskirche in ein Lokal, namens Coffewirtschaft. Er mochte diese Stadt mehr als seine Residenzstadt Dresden. Die Leipziger schienen ihm offener (durch ihre Messe), sprachgewandter (Hä? anstatt Nu!) oder druckten die besseren Schriften in ihrer Presse (Meyer „Als wir offen waren“ contra Tellkamp „Mein Land soll eine Festung sein!“). Und in diesem merkwürdigen Spiel aus dem neuen Indien, dessen Namen (Ron…Roc…Roko…) ihm gerade nicht einfiel, sollten die Leipziger geschmeidiger und besser aussehen, nur leider erfolgloser sein. Allerdings fand er sich dabei, ohne Perücke zu zeigen, eine neumodische Unsitte. Im Gegenteil, sich seine Perücke an den Spitzen zu erhellen, wie es ihm ein Galgenvogel aus Portugiesisch-Madeira vorgeschlagen hatte, gefiel ihm.
Aber er durfte nicht abschweifen, seinen Gedanken freien Lauf lassen. Später, vor dem Zu-Bett-Gehen bei seiner Yogastunde mit einer Tasse Chai, dann könnte er sie kreisen lassen.
Zu spät. Im Kreis: Chai aus seinen feinen Porzellan-Tassen. Aber es war nicht sein Porzellan. Er musste es, wie seinen Yogameister aus dem fernen China, herbeiholen lassen, genau wie den Chai. August aber wollte sein eigenes Porzellan und nicht diesen Grünen, Schwarzen oder Weißen Chai. Er trank ihn mit viel Milch und viel Zucker. Zucker war teuer. Teurer als seine Hofkapelle in Dresden mit Heinichen und Zelenka. Gab es da nicht diesen Kantor und Organist hier in Leipzig. Sicher schlecht bezahlt und furchtbar – wieder so etwas Neumodisches – sprituell. Er würde die Schneider fragen. Seine Gräfin Schneider. Aber die weilte auf ihrem Landgut in Pillnitz. Sie gab vor, sich um ihre Weinberge zu kümmern. Hatte aber anderes im Sinn. Angesteckt durch einen neuen Spleen, wollten die Frauen jetzt schmal und gräßlich dünn sein. All das, was ihm Wonne und Muße bereitete, wollten sie weg hungern durch Wasser anstatt Zieglein und Yoga anstatt Wein. Konnte sie ihm dann schmallippig mit so viel Esprit Contra geben, wie er es von ihr gewohnt war und so sehr mochte?
Gut nun. Er hatte bis jetzt kein eigenes Porzellan. Dafür diesen gruslischen Tee von den Moskowitern, diesen Wassertrinkern. Er hatte die polnischen Ländereien. Dafür musste er den katholischen Glauben annehmen in seinem protestantischen Sachsen. Er hätte gerne mehr von der Schneider gehabt. Sie erschien ihm wie eine Traube bei Frost gelesen. Sie wurde immer blasser, aber spät gelesen am süßesten. Dies durfte er nur denken, nicht laut aussprechen. Die Frauen im Amt würden ihn an den Pranger stellen. Er musste Geduld aufbringen, die er leider nicht hatte. Er wollte den Chai nicht vor sich haben, um dann zu warten, weil er ziehen muss. Er wollte alles und zwar gleich.
Man bringe ihm dieses neue Getränk von den Türken und keinen Chai, forderte August nachdem er das stille Örtchen besuchte und verwundert die Kritzeleien dort gelesen hatte: GOAT und darunter „August ohne a tateratata“. So ein Quatsch. Er hasste dieses preußische Militärgedöns.
August bestellte sich zum ersten Mal in Leipzig einen Coffee, und dann dauerte es gar nicht mehr so lange, bis aus den Sachsen die Kaffeesachsen wurden, denen auch der grusinische Tee in der Mitte des 20. Jahrhunderts nichts anhaben konnte.

Was erfunden wird, ist nicht gelogen! (Russisches Sprichwort)

Schwarzteemischung aus der DDR

Schwarzteemischung aus der DDR

Unerträgliche DDR-Popband Kreis mit dem Lied „Grusinischer Tee“, der umgangssprachlich „Gruslische Mischung“ oder auch „Der Dreck aus der Teefabrik“ genannt wurde:

Kabarettist Uwe Steimle über Sächsisch:

Фридрих Наумович Горенштейн

Russisches Alphabet_Ф

Unter der Vielzahl der weltbekannten russischen Schriftsteller ist Friedrich Gorenstein ein selten Genannter. Er lebte von 1932-2002. Seine letzten Jahre verbrachte in Berlin.
Mein Lieblingsbuch von ihm heißt:
„Psalm. Ein betrachtender Roman über die vier Strafen Gottes.“
Mit erzählerischer Klasse und epischer Wucht schafft er es, sowjetische Geschichte (etwa 1930-1970) anhand von Einzelschicksalen in eine Art sehr eigene alttestamentarische Weltgeschichte einzuspannen. Genaue, sarkastische, manchmal witzige Alltagsbeschreibung geht mit den schrecklichsten Leidenswegen der Protagonisten Hand in Hand. Dan, der Teufel, der Gegengott, der Antichrist, wird Zeuge, und ausführendes Organ, um die vier Strafen Gottes (Schwert, Hunger, Wollust, Pestilenz) über das gottlos gewordene Russland zu bringen.
Durch dieses Stilmittel beschreibt Gorenstein jene Jahrzehnte, als ob er mit dem Fernglas durch die Weltenzeiten schaut. Er ist nah genug, um alles zu sehen, aber weit genug, um den „Blues“ zu spielen.
Seine Bücher würden sich gut zum Verfilmen eignen. Seine dialoghafte und von erzählerisch einführenden Passagen unterbrochene Schreibweise ist bildlich scharf und genau. Gorenstein hat für den Regisseur Andrei Tarkowski und für andere Filme Drehbücher geschrieben.
Leider gibt es diese Buch aktuell nur antiquarisch zu kaufen. Ich kann es Euch gerne ausleihen.

Мемориал

Russisches Alphabet_М

Der Umgang mit Geschichte im Studierzimmer ist einfach. Der Elfenbeinturm der Wissenschaft ist verwinkelt. Man gönnt dem Anderen seine Nische, wenn er sich nicht zu breitmacht. Der Prof ist meistens nicht da und interessiert sich für seine Doktorand vielleicht als Mann oder Frau, aber nicht – zu Recht – für dessen eher mäßige Wissenschaft.
TV-Serien zur Geschichte haben es einfacher. Sie müssen es nicht zu genau nehmen. Die Daten sollten stimmen. Den Dreck unter den Fingernägeln vergangener Jahrhunderte könnte man in HD gut sehen, aber die Dekoration gefüllt mit Plüsch, Muskeln oder nackter Haut ist wichtiger. Ist verständlich. Ich will ja auch nicht ständig an die Arbeitsbedingungen der chinesischen Arbeiter, die mein iPhone herstellen, erinnert werden.

Was mache ich jetzt mit dieser nervigen Geschichte?
Ich kann sie
leugnen, totschweigen, kleinreden, relativieren (um sie umzudeuten) oder an sie erinnern, darstellen (von vielen Seiten), aufschreiben und nicht vergessen.

Im Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft 2018 wird versucht (ähnlich wie gerade in Polen oder der Türkei), die eigene Geschichte umzudeuten. TV-Serien sind dafür ein wirksames Mittel. Später gibt es neue Lehrpläne in den Schulen. Dann werden missliebige Museumsdirektoren der zeitgeschichtlichen Museen ausgetauscht. Und schön gärt dieses Gemisch.
Ich darf dies hier in Deutschland alles so schreiben. In Russland könnte ich dafür vielleicht Ärger bekommen. Denn ich wäre als halbstudierter Historiker vielleicht in Moskau lebend bei dem Verein Memorial. Dieser kümmert, erinnert und erforscht neben der russisch/sowjetischen Zeitgeschichte ebenso aktuelle Menschenrechtsverletzungen in Russland. Die Organisation steht aktuell auf einer beim russischen Justizministerium einsehbaren Liste von ausländischen Agenten. Weil Memorial Spenden aus dem Ausland (Sorros-Stiftung, Heinrich-Boll-Stiftung, Privatperson Karsten Maaß) bekommt, in Russland registriert und dort politisch aktiv ist, wird seine Arbeit beobachtet und eingeschränkt.

Die Umdeutung der russischen Geschichte findet aktuell statt. Sinnigerweise ist sie mit zwei weiteren Buchstaben (Themen) des Russischen Alphabets verbunden: 100 Gramm Wodka und dem Maler Ilja Repin.
Vor kurzem wurde sein Bild „Iwan der Schreckliche und sein Sohn Iwan am 16. November 1581“, welches in Moskau in der Tretjakow-Galerie hängt, von einem Besucher beschädigt. Zur Stärkung trank er davor 100 Gramm Wodka. Als Grund nannte er, dass auf dem Gemälde einiges falsch sei. Ohne näher darauf einzugehen, passt das Ziel des „Bildattentat“ zu Äußerungen von bekannten Geistlichen und Politikern u.a. Iwan den Schrecklichen und seine Zeit nicht mehr so „schrecklich“ darzustellen, wie bisher. Positive Bezüge zur Geschichte werden gesucht und, falls nicht vorhanden, geschaffen.

„Memorial“ hilft, Geschichte nicht zu vergessen.

REPIN_Iwan der Schreckliche

Ilja Repin, Iwan der Schreckliche und sein Sohn Iwan am 16. November 1581

Владимир Семёнович Высоцкий

Russisches Alphabet_В

Ich kann Wolf Biermann nicht leiden. Dieser arrogante und selbstherrliche Moralapostel, der sich als Mittelpunkt der Welt sieht. Sein echauffierendes Lachen bei Interviews im Radio, die zum Glück seltener werden, klingt mir im Ohr.

Als moralische Instanz, als Finger-auf-die-Wunde-Legender hat er dagegen Bedeutendes geleistet. Er ist als Sänger seiner eigenen Lieder in Deutschland berühmt. Seine letztens erschienene Autobiographie „Warten nicht auf bessere Zeiten“ soll sehr lesenswert sein.

Die Art und Weise seines Gesanges erinnert stark – ich sage, dass es einfach geklaut ist – an den größten sowjetischen Liedermacher, Chansonier, Sänger und Schauspieler Wladimir Wyssozki. Sein rauher, gepresster Ton, an eine Schlagfolge beim Boxkampf erinnernd, der vortragende Stil, das Lässige dabei, garniert mit fast schon kitschigen Momenten des Innehaltens machten seine Lieder zur Blaupause eines Genre. In seinen Texten erschienen Probleme und soziale Gruppen, die es eigentlich in der Sowjetunion nicht hätte geben dürfen. Wladimir Wyssozki hat’s erfunden und kleine Würdenträger, wie der Besserwisser aus Hamburg, machen es nach – behaupte ich.

Wyssozki starb viel zu früh 1980. Sein Leben auf der Überholspur, immer die lässige Kippe im Mundwinkel und das Saufen forderten ihren Tribut. Das Todesdatums passte den Entscheidern in der Sowjetunion überhaupt nicht. Gerade fanden Olympische Spiele statt. Es galt der Welt das herrliche Dasein zwischen Brest und Wladiwostock zu zeigen und nicht den am Suff gestorbenen Wyssozki. Deshalb schwieg man sich in der Hoffnung, dass es niemand groß bemerken würde, aus. So war es 1953, als der Komponist Sergei Prokofjew am selben Tag wie Josef Stalin starb, und so wurde es einige Jahre vorher in der DDR beim Tode des halb in Ungnade gefallenen ehemaligen Vorsitzenden der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR Walter Ulbricht praktiziert. Dessen Tod wurde einfach später verkündet, damit die zeitgleich stattfindenden Weltfestspiele der Jugend 1973 ungestört durchgezogen werden konnten. Bei Wyssozki klappte dies nicht. Sein Tod brachte tausende, vielleicht zehntausende Menschen spontan auf die Straße, die Abschied nehmen wollten. Die Staatsmacht konnte nichts machen, der Ohnmacht nah.

Wladimir Wissozky

Wladimir Wissozky, Wir drehen die Erde