Archiv der Kategorie: Schönheit

L’art pour l’art – die Kunst um der Kunst willen

Teilen und Herrschen

Unser Kollege Uwe vom der Nachbarkneipe „Tannenbaum“, wurde literarisch gewürdigt. Johanna und Felix gaben mir den Hinweis. Höchste Zeit, dass wir alle uns intensiver mit Bildender Kunst befassen. Deshalb gibt es in den nächsten Zeilen zum Thema drei Geschenk-Ideen für die Festtage oder danach.
Die Beschreibung von Uwe hat Charme. Dieser erinnert allerdings mehr an die Metal-Band „Slayer“, als an die biedere Empfindsamkeit eines Spitzweg-Gemäldes aus dem 19. Jahrhundert.
Die Leidenschaft für den Flipper-Automaten, der als klassisches Kneipeninventar -symbolisch als Nukleus- des Tannenbaums gedeutet wird, ist eine obskure Begierde. Seine Entschlüsselung gibt Rätsel auf. Der Ich-Erzähler liefert sich dieser Begierde mit allen Konsequenzen aus. Er will sie beherrschen. Und wenn er vermeintlich am Ziel ist, steht der Zeremonienmeister- Uwe – bereits hinter ihm und schreit ihm in der vollen Kneipe etwas ins Ohr, was niemand hört. Unserem Ich-Erzähler bleibt nichts anderes übrig, als…(Hört selbst!)

Slayer, Repentless (CD, 2015)
(moralisierende Gewalt in Kunst geschlagen; zur CD gibt es drei Videos in neuster Serien-Ästhetik, die verstören und gleichzeitig abstumpfen)
Luis Bunuel, Das obskure Objekt der Begierde, (letzter Film des Regisseurs, 1977, DVD)
(Liebe, Begehren, Macht aus der Ich-Erzähler-Perspektive, verwoben mit anderem; neben Pedros Almodovar „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ mein Film über Beziehungen)
Philipp Winkler, Hool (Roman, 2016)
(Fußball! Eines der zentralen Themen auch in der Vowi ist fast immer eine ernste Sache und oft nur Träger für ganz andere Dinge. Auf die Fresse?)

PS: Fußball, Feminismus, Unterbau und Ideologie u.a. waren nach dem glücklichen Sieg der Eintracht im DFB-Pokal gegen Heidenheim kurz vor Weihnachten ein großes Thema. Darüberhinaus konnte ich einen Stuhl, der nur mit einem Messer hergestellt und mehrere Jahrzehnte alt war, die Vorzüge einer Gläserspülmaschine und einen Geschenkwunsch zu Weihnachten kennenlernen.

Am 24., 25. und 26.12.17 hat die Kneipe zu!
Auf dem Feldberg im Taunus

Eisleben: Luther und Elsterglanz

Oft werde ich in der Kneipe gefragt, woher ich komme. Selten wird es rhetorisch verpackt in der Art wie: „Du bist nicht aus Frankfurt?“ (Stimme geht am Satzende nach unten).
Dann erzähle ich kleine biographische Details, manchmal garniert mit eher blöden DDR-Witzen oder ich verfalle urplötzlich in einen schwerst sächsischen Dialekt.
Mittlerweile merke ich, dass nicht mehr alle die Witze verstehen und dass auf meinen permanenten biographisch bedingten DDR-Bezug die Antwort kommt, wie schön Leipzig ist und dass mein Gesprächsgegenüber dort studiert usw.
Die Vergangenheit, die längst von der Gegenwart eingenommen ist, von der ich aber nicht loskomme, die aber längst Geschichte ist, beherrscht mich immerhin so sehr, dass ich die Linkspartei nicht als gesellschaftliche Alternative, sondern als sich mit der DDR-Vergangenheit schwer tuende Nachfolgepartei der SED sehe.
Ein schön verschrobener Satz. Und genauso verschroben und fein ausgemalt in allen Facetten stellt die Band „Elsterglanz“ aus Eisleben (Mansfelder Land, liegt zwischen Harz und Halle) die Ossis meiner Generation vor. Dabei übertreiben sie schwindelerregend und lachen noch über sich selber. Ihre Auftritte, Filme und Lieder sind ein Spiegelbild der DDR und was davon noch übrig ist, und damit spiegeln sie auch ihr heutiges Publikum. Dass dieser „Scheiß-Staat mit seinen Kackleuten“ einen immer noch zum Heulen bringt, auch wenn es Lachtränen sind, macht ihn unvergesslich.
Die Leipziger Volkszeitung sah dies in ihrem Konzertbericht allerdings ganz anders.

„Elsterglanz“ haben einen neuen Film gemacht:
Elsterglanz und der Schlüssel zur Weibersauna

Hier mein Lieblingsausschnitt aus ihrem ersten Film beim Wahrsager Bernd.
Elsterglanz – im Banne der Rouladenkönigin

Auch wenn man als Ausstehender nicht alles versteht. Genau so war es auch in Leipzig vor 1989 und heute? Fahrt mal nach Leipzig oder ins Lutherland nach Mansfeld oder Eisleben.

Die Fotos sind fertig

Phantastisch, wie mein Gedicht wächst,
während ich selber schrumpfe.
Es wächst, nimmt meinen Platz ein.
Es verdrängt mich.
Es wirft mich aus dem Nest.
Das Gedicht ist fertig.

aus dem Gedicht „Morgenvögel“
von Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte, München 1997

Die Renovierungsarbeiten in der Vowi sind fast abgeschlossen. Der Rest wird in den nächsten Wochen erledigt.
Endlich gibt es an den Wänden wieder etwas zu sehen. Unser Haus- und Hoffotograf Sven Bratulic hat sein Archiv durchstöbert und daraus eine Reihe Bilder ausgewählt. Jedes Foto erzählt eine Geschichte. Denn ein interessantes Foto – ganz wie ein würdiges Gedicht – steht für sich allein. Der „Erfinder“ tritt zurück. Im Auge des Betrachters entwickelt das Foto einen Eigensinn, eine eigene Geschichte, ein eigenes Leben. Ganz so, wie es der schwedische Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer oben formuliert hat.

Sola fide in der Vowi

10.12.16
Matze, der Exwirt vom Dr. Flotte, dem größten Leuchtturm des Bockenheimer Bermuda-Kneipen-Dreiecks, kommt aus einem Dorf unweit von Zittau, welches gleich neben Görlitz liegt. Michael Ballack ist ebenfalls gebürtiger Görlitzer.

Ein Landsmann von Matze und Michael Ballack ist Jacob Böhme. Er war Schumacher, hatte Visionen und wurde schließlich Dichter oder besser Prophet.

Meine prophetische Vision ist, dass ich alkoholfreies Bier aus dem Keller holen muss, dabei heimlich über die Hintertür verschwinde, nicht wiederkomme und die Kneipe samt darin sitzender Gäste ihrem Schicksal überlasse.
Jacob Böhme hatte andere Visionen. Er glaubte, Gott zu sehen und gewann daraus einen mystischen Zugang zum Glauben, den er in lyrischen Ekstasen eines Dichters niederschrieb. Sie geben seinem Protestantismus eine mystische Tiefe, die ich höchstens in der Stille der Gebanntheit einer übervollen Kneipe beim Fußball erfahre. Oder unlängst, wenn alle Tische bei der Vowi-Cuisine schweigend den Hauptgang ergründen und man nur das Besteck klappern hört.

Hast Du aufgegessen?

09.12.16
Am Sonntag, den 11.12. um 14.00 Uhr läuft im Mal Seh’n Kino bei der liebenswürdigen Ariane in der Adlerflychtstraße 6 im Frankfurter Nordend der neue Doku-Film über den amerikanischen Komponisten Frank Zappa „Eat that question“.

Warum sollte man hingehen?
Weil die Eintracht bereits Freitag gespielt hat,
weil die Vowi erst 15.30 öffnet, 
weil es regnet,
weil Hölderlin unweit vom Mal Seh’n im Adlerflychthof seine Geliebte Diotima getroffen hat,
weil es nervt spazieren zu gehen,
weil Zappa im Monat Dezember 1940 geboren wurde und im gleichen Monat 1993 gestorben ist,
weil man in Zeiten des Haarersatzes das Behaarte andere Amerika intensiver würdigen will
oder weil man den Namen irgendwie kennt, aber die Labetasche hinterm Vowi-Tresen es als Bildungslücke beschrien hat, wenn man sich nicht intensiver mit Zappa befassen würde.

http://www.imdb.com/videoembed/vi1377809433

Spirituale Arbeit ist überall möglich

04.12.16
Der unlängst erwähnte amerikanische Präsidentschaftskandidat Frank Zappa war areligiös.

Allerdings läßt sich seine unentwegte Auseinandersetzung mit der Welt und seine Kommentare darüber, wenn überhaupt, fernöstlichen Religionen bzw. Philosophien zuordnen.
Zappa Antwort auf die Frage, warum er etwas tut, war gleichzeitig sein kreatives Motiv. Es lautet:
„Alles, zu jeder Zeit, an jedem Ort ohne jeglichen Grund.“
Um es kurz zu machen: Zappa hatte durchaus Interesse am Zen-Buddhismus. Und wir in der Vowi auch.
Eine stoisch-freundlicher Gleichmut läßt einem manches Bier leichter zapfen, den zum wiederholten Mal gehörten Witz oder die zum wiederholten Mal im Suff erzählte Geschichte leichter ertragen.

Wie es der Zufall will, war ein Gast der Kneipe während der Dreharbeiten über das Leben in einem japanischen Zen-Kloster, der jetzt als DVD zu haben ist, gerade dort. Mit seinen Erzählungen über die Schmerzen beim stundenlangen Meditieren, den spartanischen Lebensbedingungen und der sehr harten körperlichen Arbeit vor Ort, kontrastiert er das Strenge, Einfache und Klare der Bilder des Filmes. Die Musik zum Film hat der englische Jazzer Fred Frith komponiert.
Und Frank Zappa? Sein Zynismus machte ihn hypersensibel. 1968, die Hippiebewegung mit fernöstlichen Räucherstäbchen kam langsam im Mainstream an, nannte er eine Schallplatte „We‘ re only in it for the money“.

„Nichts ist, was ich (mir) wünsche.

Aber ich mach‘ jetzt zu!“

 

 

Kleinöde

Gäste aus der Kneipe haben in Eigenregie ein Buch veröffentlicht:
Kleinöde. Ein Bildband zur Idee und Praxis städtischer Plätze in Frankfurt am Main.
Der lyrische Titel und der etwas sperrige Untertitel stehen meines Erachtens für einen sehr gelungenen Stadtführer, der höchsten Ansprüchen genügt – inhaltlich und ästhetisch. Mittels vielen Schwarz-Weiß-Fotografien werden in den dazugehörigen Beiträgen die Plätze lokalisiert, historisiert und beschrieben. Besondere Punkte innerhalb der Plätze, wie Kneipen, Läden usw. werden benannt und erklärt.
Für € 19,90 bekommt man ein außergewöhnliches Buch über Frankfurt. Darüberhinaus haben die Autoren ein witziges Quartett zum Buch erfunden, was man für € 7,- kaufen kann.
Beides gibt es in der Vowi, wenn es nicht ausverkauft ist.

„…Außenbordmotor ihrer Vagina.“

Hilary Mantel schreibt in erster Linie historische Romane. Dabei schafft sie es, historische Komplexität so darzustellen, dass dem Leser kein altbackenes, sondern ein frisch aus dem Ofen gezogenes Brot serviert wird.
Jetzt hat sie einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Eine lautet „Die Ermordung von Margaret Thatcher“. Bei Bayern 2 kann man sich diese Kurzgeschichte in der Mediathek anhören. Dafür wurde sie in Großbritannien angegriffen, wie sie sich so etwas nur ausdenken könnte:
Wie kann man einen Mord an der britischen Premierministern auch nur gedanklich durchspielen.

Ihr jungen Leute werdet es kaum noch wissen, aber Maggie Thatcher stand für vieles, was Pink Floyd melodramatisch und psychisch überzeichnet auf ihren Schallplatten/CDs (Animals, The Wall, The Final Cut) von Ende der 70er bis Ende der 80er des vorigen Jahrhunderts ausdrückten.
Weniger dramatisch, aber vielleicht treffender, spuckten Punks und ihre New Wave-Ausläufer auf all das, wofür sie stand:
Kalter, aggressiver, anonymer Kapitalismus nach innen und außen: Falkland-Konflikt mit Argentinien, Kalter Krieg mit den Staaten des Warschauer Vertrages, Schließung vieler bzw. fast aller Kohlengruben, starke Einschränkung bzw. Abbruch von Sozialprogrammen usw.

Hilary Mantel meint, dass sie ein Problem mit ihrer Weiblichkeit in einer ausschließlich von Männern geprägten Welt hatte. Zwar war sie eine Frau, doch ahmte sie einen Mann nach. Ihr blieb nur, neben dem uniformen Kostümen und ihrer Betonfriseur, die wiederum den Männern in ihren ewigen Anzügen und ihren aus der Stirn gekämmten Haaren glichen, ihre Handtasche als äußeres Merkmal der Weiblichkeit: „Thatcher schleuderte ihre Handtasche herum wie einen Außenbordmotor ihrer Vagina.“

Immer das Gleiche

Mittagszeit. Der große Mann stützt die Ellenbogen auf
den Tresen. Breite Schultern über einen starken Körper.
Eine Hand am Bierglas. Mit der anderen streicht er die
die Haare am Hinterkopf fest. Sie sind von den Ohren nach
hinten zur Mitte gekämmt und glänzen. Aus der Gesäßta-
sche der schwarzen Lederhose ragt eine Kammhälfte her-
aus. Am Nietengürtel hängt ein Schlüsselbund. Sich kurz-
seitig immer wieder abwendend, sieht er zu der anderen
Thekenseite hinüber. Dort sitzt ein schmächtiger junger
Mann. Die Haare kurz und frisch vom Frisör. Er tragt ei-
nen Anzug aus der Marckenecke im Kaufhaus. Mit wen-
igen Worten und seinem Lachen erreicht er die Frau hinter
dem Tresen. Die lacht ihn an. Mag sich nicht wegwenden.
Der Breitschultigre sieht jede ihrer Gesten. Wohltaten an
dem anderen. Schließlich wird der andere mit ei-
nem Kuß verabschiedet. Der Große sucht in der Lederhose
nach Geld, fragt kaum hörbar, zahlt. Dann zieht er im Ge-
hen seine Jeans-Jacke an. Auf dem Rücken ein mürrischer
Adler mit braungelb erstarrten Schwingen.

aus
Heinz Kattner
Als riefe jemand den eigenen Namen. Lyrische Prosa.
Springe 2007, S. 15

Volker Luley liest aus seinem Buch „Ajù Sardinien!“

Der Lehrer, Maler und Geschichten erzählende Volker Luley liest am Sonntag, den 19.Januar 2014 aus seinem neuen Buch „Ajù Sardinien!“, welches im Morlant-Verlag erschienen ist. Er hat seine Erlebnisse, die Begegnungen mit den ansässigen Bauern eines kleinen sardischen Tals in teils amüsanten, teils makabren Geschichten festgehalten, ist ein stückweit in die Tradition der Insel vorgedrungen, einer von Armut und Misstrauen gekennzeichneten Lebensweise, die jetzt allmählich mit einer neuen Generation verschwindet.

Die Lesung beginnt um 16 Uhr.
Mit Volker Luleys Geschichten aus dem Valdimela, rotem und weißem Wein des sardischen Weingutes Dettori, knusprigem pane carasau, regionaler Musik und Bildern soll die Insel Sardinien näher gebracht werden.

Hier findet ihr Volker Luleys aktuelle Homepage mit seinen Bildern.