Алфавит

Russisches Alphabet_A

Nach der Melodie des Kinderliedes „Ein Männlein steht im Wald ganz still und stumm“ lernten wir Kinder zwischen Saßnitz und dem Vogtland vor Jahrzehnten das Russische Alphabet.

Die Aussprache der diversen Zischlaute, das rollende und nicht gurgelnde R und die durch Buchstabensetzungen bedingte weichere Aussprache mancher Konsonanten waren ein großes Problem. Einige meiner Mitschüler schafften es nie.

Und später verzweifelten sie an den sechs, und nicht wie im Deutschen vier, möglichen Fällen bei der Deklination von Substantiven.

Und noch später beim Erlernen russischer Verben gab es Tränen. Je nachdem, ob man eine Tätigkeit einmal oder mehrmals ausführt, werden unterschiedliche Verben verwendet, die aber beispielsweise im Deutschen beides mal mit „gehen“ übersetzt werden.

Russisch ist für Deutsche Muttersprachler keine einfache zu erlernende Sprache.

Das Russische Alphabet mit der Aussprache der einzelnen Buchstaben findet du hier.

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Танкист

Russisches Alphabet_Т

Früher als Kinder sind wir runter auf den Hof gegangen und haben gespielt.
Dann sind wir weggezogen in ein Hochhaus am Rande der Stadt. Es wurde geklingelt und eine Kinderstimme quäkte: „Kommt K. runter?“.
Später, als wir ein Telefon hatten, riefen wir uns an, um uns zu verabreden. Ich weiß sogar noch unsere alte Nummer von vor vierzig Jahren. Das will was heißen, weil ich so viel von früher vergessen habe.
Und heute sind wir uns durch die virtuelle Welt allgegenwärtig ohne Zeitfenster. Die Zeit hat ihre Mengenangabe verloren.
Kann man ändern.
Ich kann mein Gerät ausschalten oder prinzipiell später antworten. Oder ich verliere mich in die Vergangenheit in die analoge Zeit.

In der Zeit von Runter-auf-den-Hof-gehen spielt das Fernsehen eine entscheidende Rolle. Unterhaltungsmedium, Gleichmacher, Informationsquelle, Sehnsuchtsort. Sogar der Testton nach Sendeschluss hatte etwas.
In dieser Zeit gab es, wie heute, Fernsehserien. Eine unsägliche polnische Serie, die damals lief, heißt „Vier Panzersoldaten und ein Hund.“ Sie gibt es als DVD.
Die Serie erzählt die Geschichte einer polnisch-russischen (georgischen) Panzermannschaft und ihrem Hund im zweiten Weltkrieg. Sozialistische Waffenbrüderschaft, Menschlichkeit, Heldentum, Sieger, kleine menschliche Schwächen – witzig dargestellt – sind die Themen. Es wird dabei gelogen, verfälscht, beschönigt und je nachdem weggelassen, wie man es in den 60er Jahren in den Zeiten des Kalten Krieges für politisch opportun hielt. Ergebnis dieser Serie war, dass ich mit besagten Spielzeugpanzern ernsthaft spielte und die Serie für bare Münze nahm. Zum Glück nicht bis heute!

Бурлаки

Russisches Alphabet_Б

Der Wolga

Die Sonne hoch. Das Wasser niedrig.
Zwei Schritte vor. Nur nicht zurück.
Zwei Sandbänke weiter noch stemmen und ziehen.
Bleibt stark, zugleich – ihr Treidler!
Halt auch du – Kleiner, halte den Schritt!

Ach wäre ich besser zu Hause geblieben.
Im Dorf hinterm Ofen mit Branntwein und Speck.
Hätte Sonjas Rücken gestriegelt,
Mäuse gejagt und mir den Honig vom Finger geleckt.

Dann gab es Krieg. Sewastopol belagert.
Kein Krieg mehr, wie früher.
Tod und Verderben aus der Fabrik.
Wir ließen nicht locker. Kämpften. Starben. Und riefen
Masada, Masada! Osmanen. Kommt nie mehr zurück!“

Und später, da wurde mein Leib mir zu eigen.
Der Zar hat’s per Ukas erlassen. Es ward nun Gesetz.
Das Kreuz hier auf Erden muss ich nicht schreinern.
Ich kann es verkaufen, krieg’s später als Schuld, als Schuldschein, zurück.

Was mache ich nur aus meinem Leben?
Was mache ich nur aus dieser Rus?
Mein Wolga, mein Dorf, der Krieg und das Leben.
Ich bin ein Treidler.
Geh vorwärts und weiche, Genossen, nie mehr zurück!

Fiktives Gedicht eines fiktiven russischen Emigranten, der als fiktiver Treidler am Main bis zum Aufkommen der Dampfschiffe Mitte des 19. Jahrhundert arbeitete. Der russische Maler Ilja Repin malte um 1873 ein Bild, welches die Arbeit der Wolgatreidler zum Thema hatte.
Die Treidler lebten in den Nidda-Auen, unweit der Mündung in den Main.
Die Nidda wurde damals auch Kleiner Wolga genant. Die Straßennamen, wie Werra-, Jordan-, Elbe-, Mosel-, Elster-, Kama- und Parthestraße erinnern bis heute daran, denn was erfunden wird, ist nicht gelogen (Russisches Sprichwort)!

Ilia Efimovich Repin (1844-1930), Wolgatreidler (1870-1873)

Repin, Wolgatreidler, 1873

 

Писатели

Russisches Alphabet_П

Ach diese russischen Dichter!
Es gibt so viele! Und ihre Werke leben und sollen gelesen werden!

Sie genießen dort einen ganz anderen Status als hier. Wer, beispielsweise, kann in Frankfurt, im Stadtteil Bockenheim, in der Vowi Hölderlin zitieren? Mir fällt nur einer ein. In Russland dagegen ist Puschkin – selbst heute noch – allgegenwärtig. Der mittlerweile etwas vergessene Jewgeni Jewtuschenko füllte zu Sowjetzeiten Stadien mit seinen Gedichtakklamationen.

So wie die großen Opernkomponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts (VerdiPuccini) waren russische und sowjetische Dichter Popstars mit allem, was dazugehörte. Kaputte Hotelzimmer, Saufgelage, wirre Affären, Nervenleiden, Schwermut als Berufskrankheit, Reisen als Flucht und Kreativität bis zur Selbstaufgabe waren Programm. Puschkin starb an den Folgen eines Duells, Lermontow durch ein Duell, Gogol an den Folgen religösen Fastens, Jessenin schnitt sich die Pulsadern auf und erhing sich, Majakowski erschoß sich. In der Stalinzeit wurden aus wahllosen Gründen Dichter ins Lager gebracht und/oder getötet. Danach kamen missliebige Künstler nur noch ins Lager. Heutzutage müssen nicht staatstragende Dichter oder Dramaturgen mit Sanktionen der Macht rechnen. Dies kann zwischen Hausarrest und Lagerhaft pendeln.

Man sieht den traditionellen Umgang seit fast 200 Jahren mit den Dichtern und Denkern. Wer zu aufmüpfig ist, wird verbannt, eingesperrt oder geht freiwillig außer Landes.

Lest mir diese Russen!
Gleich neben der Vowi befindet sich die Karl-Marx-Buchhandlung. Dort ist man auf euer Kommen vorbereitet.

Аркона

Russisches Alphabet _A

Stellt euch vor,n eine deutsche Metalband nennt sich „Rus“ nach dem Urland des heutigen Russland. Die Begründung wäre, dass handelnde Wikinger zu den Begründern bzw. Mitbegründer der Rus im 10./11. Jahrhundert gehörten. Kurzgefasst nach dieser Lesart ist die Rus keine slawische, sondern eine germanische Gründung. Zum Glück ist darauf noch niemand gekommen.

Stellt euch vor, es gäbe eine russische Metalband, die sich Lipsk nennen würde. Die Begründung wäre, dass Lipsk – das heutige Leipzig – eine slawische Gründung um 900 gewesen ist und erst im 11./12. Jahrhundert vom Westen aus kolonialisiert bzw. 1165 vom Markgraf Otto dem Reichen von Meißen das Stadtrecht bekommen hat.

Ist eigentlich alles vollkommen egal.

Es gibt aber eine russische Metal-Band mit Namen Arkona. Jeder Ostdeutsche schaut verwundert auf. Denn diesen ist Arkona (Kap Arkona auf der Ostseeinsel Rügen) ein recht bekannter Ort, wo sie vielleicht schon mal im Urlaub gewesen sind. Ist übrigens nicht weit von Greifswald, dem Geburtsort von Toni Kroos.
Arkona war bis zur Besetzung durch den Flipperbaumkönig Uwe I. eine Burg- und Kultanlage der Slawen gewesen: Jaromarsburg.

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Uwe I.

Bis heute kann man die Reste noch besichtigen.

Die russische Metalband Arkona ist jetzt musikalisch gesehen auch nicht viel anders als ähnliche Bands, wie zum Beispiel Schandmaul aus Deutschland.

Aber Arkona hat ihre Sängerin.

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Mascha ‚Scream‘ Archipowa

Diese macht den Unterschied.
Zum einen beherrscht sie das Singen von traditionell bis Deathmetal. Zum anderen verkörpert sie mit ihrem Bühnenauftritt und ihren Videos als Hauptakteurin der Band Ideal, Stereotyp, Kunst- und Märchenfigur einer russischen Frau. Sie ist die edle, unbeugsame, wahrhafte, leidenschaftliche, treue, nichteitle, hingebungsvolle, schamhafte, ihre Rolle einnehmende, im Zweifel aber problemlos über ihrer Rolle hinauswachsende Bäuerin, Magd, Zarin, Schamanin, Göttin, Heilige, Kriegerin, Mensch.

Arkona treten weltweit auf. Sie geben sich unpolitisch, aber klar antirassistisch und antifaschistisch.

Die Unterschiede zwischen slawischer und germanischer Kultur im Metal ist, außer, dass die einen dunkle und die anderen blonde Haare haben, nicht besonders groß. Sie ist meiner Meinung nach austauschbar, was ich beruhigend finde.

Hier findet ihr einen unterhaltsamen, ein wenig romantischen Märchenfilm, der davon handelt, dass Nordmänner im heutigen Polen Slawen angreifen.

Wobei mir die Darstellung der Wikinger (Nordmänner) besonders gefällt.

Сергей Александрович Есенин

Russisches Alfaphet_Е

Schon sein Name vereint all diese Tugenden und Eigenheiten, die ich an den russischen Schriftstellern so schätze.
Jessenin klingt weich, fast zart, aber nicht lasch. Die drei Silben seines Namens geben ihm dagegen Gewicht. Das n als letzter Buchstabe rundet das Träumerische pragmatisch ab. Wiederum, rethorisch gefragt, kann eine anderer Name schwermütiger klingen als Jessenin.
Sein Leben erscheint wie die Balance auf einer Stromleitung – hätte sie es gegeben – mitten in Russland. Jeder Schritt brachte scheinbare Erleuchtung, aber auch permanente Todesgefahr. Natürlich ist dies rein oberflächlich. Aber ein zwei Dinge aus seinem Leben stehen dafür. In sehr jungen Jahren wird er von seinem Vater aus Armut zu seinen Großeltern gegeben. Er wächst mitten in Russland in Rjasan auf. Hier findet er alle Themen seiner gebrochenen Dorfprosa. Er bricht den scheinbar rückwärts gewandeten Blick schnörkellos durch die Oktoberrevolution, seine Reisen und seine eigentümliche Hektik. Er geht drei oder sogar vier Ehen ein, unter anderem mit der damals weltbekannten amerikanischen Tänzerin Isadora Duncan. (Der Singer/Songwriter Vic Chesnutt, der sich vor wenigen Jahren selbst tötete, hat über sie und sich tanzend erträumend ein Lied geschrieben.) Immer wieder reist er. Und dann schrieb Jessenin mit Blut sein letztes Gedicht und tötete sich 1925 gleich zwei Mal. Erst schnitt er sich die Pulsadern auf, und dann hing er sich an den Heizungsrohren in seinem Hotelzimmer auf.

Viel Theater, von einem, der immer im Mittelpunkt stehen wollte, meinten manche Dichterkollegen.
Ich würde ihn lieber für seine sensible Exaktheit rühmen, diesen Menschen – diesen Russen – eine Stimme gegeben zu haben in Zeiten der Permanenten Revolution.

Jessenin

Sergei Alexandrowitsch Jessenin

Hier ein kurzes dunkles Gedicht aus dem Jahre 1925. Im Laufe der nächsten Tage gibt es noch ein längeres biographisches Gedicht.
aus Sergej Jessenin, Gedichte, Leipzig 1988, S.213
Ebene, beschneite. Weißer Mond.
Ein Leichentuch über den Feldern, dicht.
In Weiß die Birken weinen im Wald.
Wer kam um hier? Wer starb? Wars nicht ich?

Русский

Russisches Alphabet_Р

Während meiner Schulzeit in Leipzig in der DDR 1973-1985 besuchte ich eine Klasse mit wesentlich mehr Russisch- und später Englischunterricht, als es normal war. Die Parallelklassen meiner Schule ohne den erweiterten Sprachunterricht hielten uns für staatsnah – dabei den sozialistischen Lebensweg fest im Blick habend – und für sozial höher gestellt. Im schönsten Sächsisch formuliert, fanden sie uns „bekloppt“. Wir waren für sie die „Russen“. Wozu brauchte man in der DDR Englisch? Wollte man damit angeben? Wollte man ins NSA (Nichtsozialistische Ausland) reisen, was nur ging, wenn man politisch ganz auf Linie der SED war? Niemand von unseren befreundeten „Brudervölkern“ in Afrika, Lateinamerika oder Asien sprach Englisch. Und schließlich, wozu brauchte man so viel Russischunterricht? Wollte man Karriere im Staatsapparat machen? Was gefiel einem an den „Russen“? In der späten DDR sah man die „Russen“ bzw. die Soldaten der Roten Armee und ihre Angehörigen nur von weitem in ihren ummauerten Kasernen. Oft waren in den Fenstern keine Gardinen, sondern als Kälteschutz Zeitungspapier. Von nahem, bei von staatlicher Seite organisierten „Freundschaftstreffen“, fielen uns die riesigen Brillengestelle, der Knoblauchduft einzelner Genossen bzw. Komsomolzen, die halben Zigaretten „Machorka“, der Wodka-Konsum, die Pelzmützen Tschapka und das als „Russenpanzer“ titulierte Auto „Saporoshez“ auf. Dies erschien den Meisten peinlich, lächerlich, unmodern und in keinster Weise erstrebenswert.

Neben diesen selbstgemachten Erfahrungen gab es die Staatsideologie der DDR. Sie fasste das Verhältnis zur Sowjetunion „Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen“ zusammen. Alles was aus der SU kam, war gut, und es zu hinterfragen, war praktisch ein konterrevolutionärer Akt.

(„Alles außer Frankfurt ist Scheiße!“ ist inhaltlich davon nicht weit entfernt.)

Die DDR-Oberen in ihrer Borniertheit und politischen Arroganz bewirkten mit ihren Bemühungen, uns die sozialistischen „Bruderländer“ näher zu bringen, das Gegenteil.

Deshalb wurde unsere Klasse als die „Russenklasse“ und wir einzeln als „Russe“ tituliert.

„Russe“ war zu meiner Zeit in Leipzig in der DDR ein Schimpfwort. Und Russisch galt -Ähnliches sagte man über das Tschechische – im Volksmund nicht als Sprache, sondern als „Halskrankheit“.

Ich empfand dies nicht so, aber das ist eine andere Geschichte.

Sibieren?

1978, ein Leipziger „Russe“ im Erzgebirge

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Meine Russisch Schulbücher